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Badische Zeitung, 25. April 2001 Sellafield setzt auf die DeutschenEuropas umstrittene Plutoniumschmiede sieht dank den Atommülltransporten aus Neckarwestheim und Biblis eine Chance zum Überlebenvon Peter Nonnenmacher
Noch vor zwölf Monaten hatte die britische Presse den Tod der Anlage und damit das unmittelbare Ende der nuklearen Wiederaufbereitung in Großbritannien prophezeit. Zu diesem Zeitpunkt sah sich Sellafield von Japan, Deutschland und der Schweiz - seinen größten Auslandskunden - boykottiert. Auch britische Kundschaft begann sich abzukehren. Kostspielige Strafen für Unfälle und Pannen trugen BNFL, der staatlichen Atomfirma British Nuclear Fuels, 1999/2000 einen Jahresverlust von mehr als einer Milliarde Mark ein. Verwaltungsratschef Hugh Collum räumte vor einem Parlamentsausschuss ein, die Firma müsse ,das Undenkbare denken" und ,Alternativen" zur Plutoniumproduktion, etwa die Umrüstung zur bloßen Lagerstätte, ins Auge fassen. Und nun? Nun wittern die Verantwortlichen in Sellafield mit einem Mal eine kommerzielle Überlebenschance. Unerwartete Preisverschiebungen und die Angst vor globaler Erwärmung haben die Kernkraft im Königreich wieder eine Spur gesellschaftsfähiger gemacht. Das Vertrauen der auswärtigen Kundschaft in die britische Wiederaufbereitung werde sich, heißt es jetzt zuversichtlich, schon wieder einstellen. Seit dem "Mischoxid"-Skandal vom Herbst 1999, der Kontrollen- Schwindel und mangelnde Aufsicht zu Tage förderte und zum einstweiligen Lieferstopp der verschreckten Kunden führte, habe man sich alle Mühe gegeben, die Sicherheit des Betriebs zu verbessern. Schon die Fahrt über das Sellafield-Gelände, durch das riesige Labyrinth mit Glaskästen, schweren Stacheldrahtverhau, Fabrikhallen, alten und neuen Reaktoren, mit Zügen, Waggons und weißen Dampf pustenden Schornsteinen, soll dem Besucher diese Sicherheit demonstrieren. Auf 30 Stundenkilometer ist die Höchstgeschwindigkeit auf dem Gelände herabgesetzt worden - wer diese Geschwindigkeit auch nur ein einziges Mal überschreitet, der riskiert, seinen Job zu verlieren. Arbeiter, die an ihren Arbeitsplätzen Kaugummi kauten, sind bereits entlassen worden, wer sich des geringsten Fehltritts schuldig macht - und das reicht vom Senden privater E-Mails bis zum Missbrauch von Sicherheitspässen -, der kann mit wenig Nachsicht rechnen. "Die Öffentlichkeit will mit gutem Recht davon überzeugt sein, dass wir hier am Ball sind", sagt Generaldirektor Norman Askew, der zur Rettung Sellafields aus Amerika eingeflogen wurde. ,Wenn wir im Kleinen nicht korrekt verfahren, wie können die Leute dann glauben, dass wir in anderen Dingen Sicherheit walten lassen?" Askew versucht in Sellafield eine neue "Sicherheitskultur" durchzusetzen - mit mehr Training für die Belegschaft, stärkerer Aufsicht und Kontrollen in allen Bereichen. Nach außen hin soll sichtbar werden, dass im Innern mit Sorgfalt gearbeitet wird. Hinter den Sicherheitslinien, dort, wo es in die "Arbeitsbereiche" der Aufbereitungsanlage Thorp geht, wo spezielle Schuhe und Kleidung verlangt werden und Besucher vom ständigen "Tick-Tock" der Strahlenwarnanlage begleitet werden, hantieren die Ingenieure mit demonstrativer Gelassenheit: "Auf einem Flug nach New York kriegen Sie mehr Strahlung ab als hier im Werk oder in der Umgebung dieser Anlage." Ehrliche Überzeugung, die Technologie im Griff, das Monstrum gezähmt zu haben, ist den Technikern des Werks ebenso zweite Natur wie den Managern der Verkaufsimpuls. Nüchtern, mit wissenschaftlicher Akribie weisen sie auf die Vorkehrungen, die man zum Beispiel in den riesigen Lagerhallen getroffen hat, in der 3000 ,heiße" Behälter mit abgebrannten Brennelementen im Kühlwasser schwimmen: ,Sollte ein Jumbo auf diese Halle fallen, würde sie wahrscheinlich wackeln - aber auf keinen Fall einstürzen." ,Absolut sicher" sei der Durchlauf der Elemente, einschließlich Lagerung der Behälter im 13 Meter tiefen, 30 000 Kubikmeter großen, ständig 20 Grad warmen Becken: ,Da unten sehen Sie acht Jahre internationaler Atomproduktion, das werden wir alles verarbeiten." Dass einem Gast beim Blick in das Becken, in der nur vom ,Tick-Tock" geteilten Stille dieser Halle, der Glaube an die ,absolute Sicherheit" abgeht; dass die im türkisfarbenen Wasser tanzenden, silberglänzenden Umrisse all dieser Container, diese Sammlung eingedoster Ungeheuer, der Phantasie ungute Vorstellungen eingibt: Dazu können die Direktoren und Dienst habenden Ingenieure nur bedauernd mit den Achseln zucken. ,Emotionalität" - wie ihre Kritiker von Greenpeace - können sie sich nicht erlauben. ,Streng wissenschaftlich, von den Fakten her" gehen sie ihre Arbeit an. Sie sind daran gewöhnt, in den fensterlosen Gängen der Aufbereitungsanlage, in der gelblich beleuchteten Welt dieses Werks, unter nun noch strikteren Regeln als zuvor, ihre Maschinerie zu bedienen. Unheimlich, wie ein von unwägbaren Gefahren bedrohtes Netz unterirdischer Teiche, Höhlen und Gänge, kommt ihnen ihr Arbeitsplatz nicht vor. Und das Herzstück des Werks, das Kellergrab der Laser-verschweißten Hülsen für 60 Tonnen Plutonium, von bewaffneten Polizeistreitkräften Tag und Nacht bewacht, ist in ihren Augen keine diabolische Urnenwand, sondern der am besten gesicherte Tresor der Welt: ,Die Welt vertraut uns ihr Plutonium an - wir haben die Technologie, um uns um das Zeug erfolgreich zu kümmern." Vertrauen ist das Schlüsselwort in Sellafield in diesen Tagen. Nur wenn ,die Welt" British Nuclear Fuels neues Vertrauen entgegenbringt, kann es mit der Plutonium-Produktion an der Irischen See weitergehen. Leicht fällt es Norman Askew und den seinen freilich nicht, verlorene Reputation zurückzugewinnen. Auch seit der Einführung der neuen ,Sicherheitskultur" hat es etliche Zwischenfälle in Sellafield gegeben. Der schlimmste war im Januar dieses Jahres, als bei einer Reparatur der Kühlungssysteme sich explosive Gase bildeten, die leicht zu einer Katastrophe hätten führen hätten: Fast drei Stunden lang ignorierten die Handwerker den Alarm, der die drohende Gefahr ankündigte. Im vorigen Oktober wurde British Nuclear Fuels wegen nachlässiger Untersuchung von Strahlenlecks zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, und vier Monate davor erhielt die Firma eine Strafe wegen der Verletzung von Arbeitern durch Salpetersäure. Mittlerweile droht Ärger, weil die Aufbereitungsanlage Thorpe weiter das Krebs erregende Gas Krypton 85 in die Atmosphäre pumpt. Und von der (pro-nuklearen) Agentur für Atomenergie ist Sellafield darauf hingewiesen worden, dass es mit seiner Aufbereitung ,zweimal so viel Verschmutzung" anrichte, als wenn es Atommüll lediglich lagere. Nicht überzeugt von den Sicherheitsbeteuerungen des Unternehmens sind einstweilen die Japaner, die in der Frage einer Wiederaufnahme der Geschäfte mit Sellafield noch ernsthaft mit sich ringen: Ohne Japan, seinen wichtigsten Kunden, kann die Nuklearanlage aber kaum seinen seit Jahren fertig gestellten Mischoxid-Betrieb MOX in Betrieb nehmen, der ,Thorp", die Aufbereitungsanlage, weiter am Laufen halten und das Nukleargeschäft in der Grafschaft Cumbria in die Zukunft hinüberretten soll. Tausende von Arbeitsplätzen in der Region hängen an dieser Betriebsaufnahme. Unschlüssig sieht die Labourregierung dem Überlebenskampf zu - Umweltminister Michael Meacher misstraut den Sicherheitsbeteuerungen Sellafields, während Industrieminister Stephen Byers für Unterstützung der Atomindustrie plädiert. Die geplante Teil-Privatisierung hat London nach den letzten Skandalen erst einmal aufschieben müssen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. In Sellafield selbst klammert man sich derweil verzweifelt- optimistisch an das grüne Licht, das die Deutschen ihrer Industrie zur Wiederaufnahme vereinbarter Lieferungen gegeben haben. Wenn erst die Lieferungen wieder in Gang kämen, heißt es dort, dann stiegen auch die Chancen für neue Verträge.
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