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Süddeutsche Zeitung, 02. April 2002
Widerstand gegen Atomkraft: Protest mit der gelben Raupe
Im Münsterland kämpfen kleine Gruppen unermüdlich gegen die Transporte
von Castor-Behältern
von Jörg Gierse
Münster - Als es dämmert, sind sie nur zu neunt. Eigentlich wollten noch
ein paar Leute mehr kommen, aber schließlich ist es erst halb sieben Uhr morgens, und aus
dem bleischweren Himmel über dem Münsterland fällt seit Stunden ein ungemütlcher
Nieselregen. Doch die vier Frauen und fünf Männer, die im grauen Zwielicht den Bahnhof
von Westbevern verlassen, ficht das nicht an. Langsam schlendern sie auf den beschrankten
Übergang zu, an dem die Bahnstrecke Münster-Osnabrück die schmale Landstraße Richtung
Telgte kreuzt. Noch hat niemand etwas bemerkt. Anpfiff zur ersten Halbzeit im
Katz-und-Maus-Spiel.
Als die Gruppe die Schranke erreicht, packt Matthias Eickhoff die
"Raupe" aus. Ein knapp zehn Meter langes, gelbes Transparent zum
Hineinschlüpfen. "Schluss mit dem Geschwätz - Atomausstieg jetzt" prangt in
großen Lettern auf der Seite. Eine Minute später stehen die neun Menschen damit quer auf
den Gleisen. Ab und zu fährt ein Auto an ihnen vorbei, sonst bleibt alles still. Bis im
Bahnhof ein Fenster aufgeht und eine beunruhigte Stimme ruft: "Hallo, gehen sie weg
da, gleich kommt ein Zug!" - "Holen sie doch schon mal Hilfe!", schallt es
trotzig zurück. Aber bevor sich die Schranken schließen, macht die Raupe brav die Gleise
frei. Und stellt sich stattdessen quer auf die Straße.

Warten auf den Zug
Der Zug, der kurz darauf hinter ihnen durchrauscht, war sowieso nicht der
Castor-Transport, auf den Matthias Eickhoff und seine Freunde warten. Vor zwei Tagen haben
die münsterischen Atomkraftgegner erfahren, dass heute wieder einer durchs Münsterland
rollen soll. Der dreizehnte, seit die Bundesregierung im vergangenen März wieder grünes
Licht für den Atommüll gab. Alle drei bis vier Wochen fährt jetzt frühmorgens ein
Güterzug von Hamburg in Richtung Süden. Seine Fracht: Castor-Behälter mit abgebrannten
Brennstäben aus den norddeutschen Atomkraftwerken Krümmel, Brokdorf, Stade und
Unterweser. Sein Ziel: die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) im französischen La Hague und
im britischen Sellafield.
Einen kollektiven Aufschrei hat das im Münsterland bislang nicht
ausgelöst. Selbst öffentlich geäußerte Besorgnis ist selten. Kein Vergleich zum März
1998, als Zehntausende in der Region auf die Straße gingen, um gegen den Castor-
Transport ins Zwischenlager Ahaus zu demonstrieren. Damals erreichte die
münsterländische Anti-Atomkraft-Bewegung ihren Höhepunkt: Konservative Landwirte und
Geistliche verstärkten die Reihen der Ökos und Linksalternativen, CDU-Kommunalpolitiker
wehrten sich Seite an Seite mit den Grünen dagegen, dass ihre Heimat zum "Atomklo
der Republik" werden sollte. Doch als die Mülltransporte nach Ahaus eingestellt
wurden, erlahmte das öffentliche Interesse so schnell, wie es gekommen war.
Matthias Eickhoff engagierte sich schon in den Achtzigern gegen Atomkraft,
und er tut es jetzt immer noch. Die meisten anderen in der Gruppe am Bahnübergang sind
dagegen sehr jung, viele studieren, einige gehen noch zur Schule. Sie wissen längst, dass
der Castor-Zug so bald nicht kommen wird. In der Nacht haben ihn Aktivisten bei Hamburg
mehrere Stunden lang blockiert. Trotzdem wollen die Münsteraner an ihrem Abschnitt der
Strecke Flagge zeigen. Die gelbe Raupe sprintet noch ein paar Mal auf die Schienen und
zurück. Als nach einer halben Stunde ein Wagen des Bundesgrenzschutzes vor dem Bahnhof
hält, sitzen die neun Demonstranten gerade wieder im Zug Richtung Münster. Halbzeitstand
zwischen Katzen und Mäusen: Null zu eins.
Die Stimmung zwischen Ordnungshütern und Castor-Gegnern schwankt zwischen
Vorsicht und Gereiztheit. Relativ entspannt geht es bei den Mahnwachen zu, die die
Anti-Atom-Initiativen regelmäßig an denjenigen Bahnhöfen abhalten, durch die der
Castor-Zug fährt. Aber je näher der Protest an die Bahntrasse heranrückt, desto härter
werden die Fronten. Vor einigen Wochen standen sich Polizisten und Demonstranten nördlich
von Münster gegenüber, während ein Transport anrollte. Als sich Aktivisten im Süden
der Stadt auf die Gleise setzten, kam es zu Handgreiflichkeiten. Bei ihrem traditionellen
"Sonntagsspaziergang" gerieten Ahauser Atomgegner im Januar mit der Polizei
aneinander, nachdem ein Teil der Gruppe die Schienen betreten hatte.
Diesmal sieht es nicht nach Ärger aus. Vor dem Hauptbahnhof in Münster
verschränken vier Grenzschutz-Beamte die Arme hinter dem Rücken und beobachten gelassen,
wie junge Menschen in Parkas und Schlaghosen Flugblätter verteilen. Darauf steht, dass
die Castor-Transporte überflüssig und gefährlich sind, dass die Müllbehälter
radioaktiv strahlen und bei einem Unfall ganze Landstriche verseuchen können, und dass
jeder etwas gegen diesen "Wahnsinn auf Schienen" unternehmen soll. Es ist 7.30
Uhr, viele Pendler hasten über den Bahnhofsvorplatz. Knapp jeder zweite nimmt ein
Flugblatt mit. Viele davon liegen später zerknüllt auf den Bahnsteigen.
Auch die Gruppe um Matthias Eickhoff ist inzwischen da. Bei ihrer Ankunft
war sie im Raupenkostüm durch den Bahnhof gehüpft und hatte "Hopp hopp hopp,
Atomtransporte stopp" skandiert. Entweder hatte man sie ignoriert oder belächelt.
"Ist doch völlig egal, ob der Castor gestoppt wird, irgendwann fährt er sowieso
weiter": Der Kommentar einer Passantin trifft Eickhoff nicht. Für ihn ist das
Demonstrieren und Blockieren eine symbolische Aktion gegen die gesamte Nuklearpolitik der
Regierung. "Wir wollen die unsichtbaren Transporte für die Bevölkerung sichtbar
machen", sagt er. Hunderte Tonnen strahlender Müll führen regelmäßig mitten durch
Städte und Dörfer, das könne den Menschen doch nicht egal sein.
Glaubt man den organisierten Atomgegnern, kocht der Unmut tatsächlich
noch. Nur eben auf kleiner Flamme. Stolze 22 Bürgerinitiativen haben sich im
"Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen" zusammengeschlossen. Die
meisten davon, sagt dessen Sprecher Willi Hesters, hätten sich erst in den Jahren nach
dem spektakulären Ahaus-Transport gegründet: "Das war ein echter Schub für
uns." Dass manche Initiativen nur aus fünf Leuten bestehen und selten mehr als 25
dabei sind, verhehlt Hesters nicht. Umso wichtiger sei es, sich untereinander zu
vernetzen, sich koordiniert querzustellen. Heute, erklärt der Widerstands-Veteran, könne
man für eine Aktion gegen den Castor in zwei Tagen 35 Mann an die Strecke bringen.
"Das ist doch schon eine schlagkräftige Truppe."

Nur unfreundliche Worte
Grund zum Protest findet sich in der Region nach wie vor: das
Zwischenlager Ahaus und die Urananreicherungsanlage (UAA) Gronau, der Reaktor Lingen und
die UAA im niederländischen Almelo. Das Problem der Atomgegner ist nur, dass Protest im
Moment nicht in Mode zu sein scheint. Er glaube zwar, dass die meisten Münsterländer
einem sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft immer noch zustimmen würden, meint Willi
Hesters. Aber die derzeitige Lethargie der breiten Masse mache der Bewegung schon zu
schaffen. Der Atomkonsens zwischen Regierung und Stromkonzernen wiege die Bevölkerung in
falscher Sicherheit, während die Castor-Transporte langsam zur Gewohnheit würden.
"Wenn wir nicht wären", sagt Hesters, "würden die hier klammheimlich
durchrollen."
Um halb elf ist alles vorbei. Mit fast hundert Stundenkilometern zieht die
Lokomotive die vier riesigen Atommüll-Behälter über die Umgehungs-Trasse im Südosten
Münsters. Zu schnell, um sich gefahrlos auf die Gleise zu setzen. Knapp ein Dutzend
Atomkraftgegner, darunter auch die Gruppe um Matthias Eickhoff, hatte zuvor versucht, an
den Bahndamm heranzukommen. Knapp ein Dutzend uniformierte Polizisten hinderte sie daran.
Keine Seite lässt es diesmal auf einen offenen Schlagabtausch ankommen. Niemand wird
festgenommen, nichts wird blockiert, nur ein paar unfreundliche Worte fliegen hin und her.
Ein paar Anwohner kommen neugierig aus ihren Häusern, sonst bleibt alles still.
"Für so wenig Leute haben wir doch viel erreicht", findet
Matthias Eickhoff, während er an der nächsten Haltestelle auf den Bus in die Innenstadt
wartet. Eine Stunde später melden die Nachrichten des Lokalradios kurz und bündig:
"Ein Atommülltransport hat am Vormittag das Münsterland ohne Störungen passiert.
Das teilt der Bundesgrenzschutz mit." Danach folgt das Wetter. Endstand im
Katz-und-Maus-Spiel: Eins zu eins. Das Rückspiel ist schon angesetzt

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