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Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 24.August 99

Trittin mit Protesten empfangen

Landwirte und Atomkraftgegner vor der Stadthalle/Treckerdemo

von Stefan Grothues

Ahaus. Zornige Landwirte auf der einen und enttäuschte Atomkraftgegner auf der anderen Seite: Heftiger Gegenwind blies Bundesumweltminister Jürgen Trittin gestern abend in Ahaus gleich aus zwei verschiedenen Richtungen entgegen.

Landwirte aus dem gesamten Kreis Borken machten sich gestern abend mit rund 200 Traktoren auf den Weg zur Stadthalle, wo Trittin nach 20 Uhr mit den Ahausern über Atomausstieg und Castortransporte diskutierte. Die Landwirte folgten damit einem Demonstrationsaufruf des landwirtschaftlichen Kreisverbandes. "Unser Protest richtet sich besonders gegen die miserable Art und Weise der Kommunikation der Bundesregierung mit den Landwirten. Es handelt sich eher um eine Nicht-Kommunikation", erklärte gestern der Geschäftsführer des landwirtscahftlichen Kreisverbandes, Jörg Sümpelmann gegenüber der Münsterland Zeitung. Gesprächsbedarf sei dringend vorhanden, so Sümpelmann. Denn Agenda 2000 und das Sparpaket der Bundesregierung bedrohten die Landwirte mit 25-prozentigen Einkommensverlusten. Vertreter der landwirtschaftlichen Verbände hatten am frühen Abend das Gespräch mit dem Minister gesucht, als dieser sich auf dem Hof Benneker in Quantwick über die Nutzung der Windenergie und über Blockheizkraftwerke informierte.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, Johannes Röring, erklärte gegenüber Trittin, es gebe eine "Gereichtigkeitslücke". Sparbemühungen seien notwendig, dürften aber nicht einseitig zu erheblichen Belastungen führen. Allein die Mehrwertsteueränderung um ein Prozent führe im Kreis Borken zu zehn Millionen Mark Mindereinnahmen in der Landwirtschaft.

Trittin sagte zu, die ihm überreichten Unterlagen an den Bundeskanzler und den Landwirtschaftsminister weiterzureichen. Er selbst wolle sich mit Äußerungen zurückhalten, "weil ich nicht originär zuständig bin". Grundsätzlich, so betonte Trittin, müssten die Sparmaßnahmen sozial ausgewogen sein, wobei "es an einigen Stellen immer schmerzhaft sein wird".

Anschließend empfing Bürgermeister Dr. Dirk Korte den Umweltminister im Rathaus. Im Beisein der Vorsitzenden der drei Ratsfraktonen drängte Korte auf einen raschen Energiekonsens. Vorher dürften keine weiteren Castortransporte nach Ahaus gnehmigt werden, so Korte.


Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 25. August 99

Trittin: 1999 kein Castortransport

Bundesumweltminister erwartet wichtige Weichenstellung im Herbst

von Stefan Grothues

Ahaus. Umweltminister Jürgen Trittin rechnet damit, daß im Herbst entscheidende Weichen für die Zukunft der Atomenergienutzung und damit auch für die Zwischenlagerung getroffen werden.

Bei einem Wahlkampfauftritt für Bündnis '90/Die Grünen in der Ahauser Stadthalle sagte Trittin: "Ich glaube, daß sich in diesem Herbst die Situation politisch zuspitzen wird. Wir stehen am Scheideweg."

Castortransporte werden 1999 nach Trittins Eisnchätzung nicht mehr genehmigt. "Nach der Sachlage, die ich überblicken kann, wird es in diesem Jahr keine Transporte geben." Die bereits gestellten Anträge von Atomkraftwerksbetreibern sind nach Trittins Angaben unvollständig, so daß die Genehmigungsvoraussetzungen nicht erfüllt seien. Vor Aufhebung des allgemeinen Transportstopps müssten auch noch zahlreiche Empfehlungen von Gutachtern "abgearbeitet" werden. Vor der vollbesetzten Stadthalle ließ Trittin jedoch keine Zweifel daran, daß es auch in Zukunft noch Castortransporte geben werde. Deuschland sei moralisch und völkerrechtlich verpflichtet, die Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich und Großbritannien zurückzunehmen. "Der Müll muß zurück, so unpopulär das auch sein mag", so der Minister.  Die Glaskokillen mit hochradioaktiven Abfällen dürften aber nicht ins Ahauser, sondern nur ins Gorlebener Zwischenlager gebracht werden. Um innerdeutsche Castortranporte auf das "absolut Notwendige" zu verringern, sprach Trittin sich für die Schaffung von Zwischenlagern an den Standorten der Atomkraftwerke aus. Der grüne Umweltminister wollte aber nicht auschließen, daß es dennoch zu Transporten nach Ahaus kommen werde. Unter dem stürmischen Beifall des Saales kündigte Hartmut Liebermann an, die Ahauser und das Münsterland würden sich auch gegen einen Castortransport querstellen, der von einem grünen Minister genhemigt werde. Trittin: "Ich hatte auch nichts anderes erwartet."


Anerkennung und Enttäuschung

Mit dem freundlichen Applaus, mit dem die 500 Zuhörer in der Stadthalle Bundesumwelminister Jürgen Trittin begrüßten, entspannten sich auch die Gesichtszüge der muskulösen Herren in etwas zu eleganten Anzügen, die strategisch an allen Türen und Bühnenaufgängen auf den Bundesminister aufpassten.

Nervosität dagegen hatte beim Einlaß geherrscht: Wer keinen Passierschein der BI hatte, mußte eine Überprüfung der namentlichen Anmeldung über sich ergehen lassen. Im Stau am Eingang blieb auch Bürgermeister Dr. Dirk Korte stecken. Erzürnt und unter Einsatz seiner Ellenbogen bahnte sich der "Hausherr der Stadthalle" schließlich seinen Weg durch die Wachleute, die ihm zuächst nicht glauben wollten, daß er der Bürgermeister sei. Bei einem zweiten Sicherheitscheck wurden alle Besucher einer Leibesvisitation unterzogen.

Am Ende der Veranstaltung zeigte sich Hans Kuhrmann, Kreisvorsitzender der Grünen, sichtlich erleichtert, daß der Auftritt Trittins ohne jegliche Störung über die Bühne gegangen war: "Ich bin glücklich, daß es so gut gelaufen ist. Ich hatte das auch gehofft, aber man weiß ja nie. Auch jegliche Polemik blieb außen vor".


"Ehrlich gemeint"

Die meisten Zuhörer äußerten sich nach der Veranstlatung jedoch weniger enthusiastisch: Ein Ahauser von der grünen Basis bescheinigte Trittin zumindest: "Er meint es ehrlich. Aber er hat nicht die Möglichkeiten, seine Vorstellungen durchzusetzen." Ein UWG-Mitglied verhehlte seine Enttäuschung nicht: "Trittin hat nichts Konkretes zu den Atomausstiegsfristen gesagt. Eigentlich tut mir der Mann leid. Er ist einer der letzten Gescheiten in der Koalition."

Anerkennung fand der Auftritt des grünen Bundesumweltministers auch bei einem Ahauser CDU-Mitglied: "Ich war positiv überrascht, daß Trittin auch hier in Ahaus unbequeme Wahrheiten ausgesprochen hat. Er hat sauber argumentiert und deutlich gemacht, daß Gesetzte zu respektieren sind."

Eine Reaktion aus der SPD lautete: "Trittin hat sich so gut verkauft, wie er es eben konnte. Er hat sich dabei aber schon sehr gewunden." Der Umweltminister, so empfand es ein anderer Gast in der Stadthalle, "hat die Fähigkeit der Politiker, eine Stunde zu reden und nichts Neues zu sagen." Ein Zuhörer will dem Minister empfehlen, seine Rede auf einen Satz zu verkürzen: "Ich will ja den Ausstieg, aber man läßt mich nicht."


"Konsens muß Sorgen in Ahaus ernst nehmen"

"Wie lange sollen die Atomkraftwerke noch laufen?" Diese Frage ist für Umweltminster Jrgen Trittin die Schlüsselfrage des Atommüllproblems. Viel Applaus erhielt der Miinister am Montagabend in der Ahauser Stadthalle für seine grundsätzliche Ablehnung der Atomenergie. Sei sei zu risikoreich und zudem unwirtschaftlich. Die Nutzung der Atomenergie, so Trittin weiter, behindere darüber hinaus zukunftsträchtige Energietechniken wie Gasverbund- oder Blockheizkraftwerke. Das "verzweifelte Festhalten am Atom" erklärte Trittin damit, daß die Atomkraftwerke als "alte Klitschen" abgeschrieben seien und den Betreibern reiche "Monopolprofite" bescherten.

Ein Energiekonsens, so betonte der Umweltminister, dürfe nicht nur ein Kompromiß mit den Energieversorgungsunternehmen sein, sondern müsse die Interessen der Menschen an den Standorten der Zwischenlager in Ahaus und Gorleben erst nehmen und die Belastungen auf das absolut Notwendige minimieren.

Trittin ermunterte die Ahauser zu Protesten gegen die Zwischenlagerung. "Überlassen Sie diese Frage nicht allein der Politik. Meine bisherige Erfahrung ist die, daß nur die eine Seite Druck macht. Nun muß auch der Druck von denen kommen, die die Lasten der Atomenergie zu tragen haben."

Einen Ausstieg erst in 35 Jahren nannte Trittin "nicht akzeptabel". Der Umweltminister räumte ein, daß die rotgrüne Koalition in ihren Ausstiegsbemühungen "bittere Rückschläge" erlebt habe. Es sei aber fester Koalitonswille, den Ausstieg ohne Schadenersatzansprüche der Energieversorger zu bewältigen. Dies sei eine Frage des politischen Willens. Das Problem könne nicht mit "juristischer Flickschusterei bewerkstelligt" werden. Vielmehr müsse das Atomgesetz gändert werden. Solange dies nicht der Fall sei, müsse er als Minister auch ihm mißliebige Castortransporte genehmigen, sobald die Voraussetzugen dafür vorlägen.


BI für Sofortausstieg

Mehr Applaus als der Minister erhielt Gastredner Hartmut Liebermann, der einen Sofortausstieg aus der Atomenergie forderte. Er persölich, so Liebermann, könne auch mit einer Ausstiegsperspektive von bis zu fünf Jahren leben. Die Bemühungen der Regierung, so Liebermann, hätten mit einem Ausstieg nichts zu tun. Nach den jahrelang verschwiegenen Kontaminationen, so der BI-Srecher, sei die Zuverlässigkeit der Atomkraftwerksbetreiber höchst zweifelhaft. Daher könne er nicht verstehen, daß Tritin nur von der "Abarbeitung von Kriterien" spreche. Liebermann kritisierte auch Trittins Eintreten für Zwischenlager an den Standorten der Atomkraftwerke. Solche Zwischenlager dürften erst nach dem Ausstiegsbeschluß ein Thema sein. Das in Lingen geplante Zwischenlager, so Liebermann, diene nur der Sicherung des Weiterbetriebs des dortigen Atomkraftwerks. Tirttin stimmte Liebermann in diesem Punkt zu: Definierte Laufzeiten seien die Voraussetzung für dezentrale Zwischenlager. In Lingen, so Trittin, gebe es "unsaubere und unlautere Motive für die Errichtung eines Zwischenlagers. Grundsätzlich aber gelte, so der Umweltminister, wer Transporte anch Ahaus minimieren wolle, der müsse neuen dezentralen Zwischenlagern zustimmen.

Trittin sieht keinen Anlaß, abgebrannte Brennelement aus dem stillegelgten Forschungsreaktor Rossendorf nach Ahaus zu transportieren.

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Leserbrief "Trittin enttäuscht"


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