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Stuttgarter Zeitung, 07. Dezember 2001 Philippsburg, die Panne und der Profitdruck im HinterkopfDer Sicherheitsverstoß im Kernkraftwerk geschah offenkundig auch aus ökonomischen Motiven - Verfügbarkeit als oberstes GebotWirtschaftlichkeit, beteuert die Energie Baden-Württemberg, sei im Atommeiler Philippsburg nie wichtiger als Sicherheit gewesen. Zweifel sind erlaubt und auch vorhanden - sogar bei der Atomaufsicht. von Andreas MüllerWenn Hans-Josef Zimmer (43) die große Digitalanzeige im Infozentrum des Kernkraftwerks Philippsburg betrachtet, verfinstert sich seine Miene. Wo sonst die aktuelle Leistung des zweiten Reaktorblocks ausgewiesen wird - normalerweise bis zu 1400 Megawatt -, prangen seit Wochen vier rote Nullen. "Ja, das tut schon weh", gestand der Kraftwerksleiter Mitte November am Rande einer Pressekonferenz. Geschlagene sechzig Tage steht der Atommeiler inzwischen still. Seit er im August nach der Jahresrevision "im Blindflug" wieder angefahren wurde, prüfen die Aufsichtsbehörden die Zuverlässigkeit der Energie Baden-Württemberg (EnBW). Warum es zu dem schweren Sicherheitsverstoß kam, blieb in der öffentlichen Diskussion indes weitgehend ausgeblendet. "Rein technisch" hätten er und seine Mitarbeiter das Problem bewertet, versuchte Zimmer zu erklären. Und auch EnBW-Chef Gerhard Goll lieferte eine Reihe möglicher Ursachen: menschliche Fehler, die Konfiguration der Anlage oder ein angeblich unklares Betriebshandbuch. Dass es "uns um Profit ging" - diesen selbst formulierten Verdacht bestritt der Vorstandsvorsitzende stets kategorisch: Wirtschaftliche Motive seien nie gegen Sicherheitsaspekte aufgewogen worden. Man wolle "Weltmeister in Fragen der Sicherheit sein", betonte Goll bereits im Oktober, "nicht (in Fragen) der Verfügbarkeit". Zweifel sind erlaubt - und sie beschleichen sogar Atomfans wie den Stuttgarter Umweltminister Ulrich Müller (CDU). In der Vergangenheit wurde zwar auch über Sicherheit, aber vor allem über Verfügbarkeit gesprochen. Seit langem brüstet sich die EnBW-Kraftwerksgesellschaft mit den Spitzenwerten des zweiten Blocks. In der Rangliste der weltweit 440 Atommeiler, erfährt man auf den Internetseiten der Tochterfirma (www.kkp.de), rangiere der Reaktor regelmäßig unter den ersten zehn. Vor fünf Jahren landete er sogar einmal auf Platz eins in puncto Leistungsgröße und Verfügbarkeit. Mehr als 95 Prozent betrage diese in Philippsburg, bilanzieren die Betreiber zufrieden. Soll heißen: Nur fünf Prozent der Zeit gehen durch Revisionen oder anderweitig bedingten Stillstand verloren. Verfügbarkeit - das scheint auch für das Führungspersonal das oberste Gebot gewesen zu sein. Schließlich kostet jeder Tag, an dem das Kraftwerk nicht läuft, die EnBW mindestens eine Million Mark. Der neue Leiter war noch nicht offiziell eingesetzt, da stimmte er bereits die Leitmelodie an. Die bisher "hervorragende Verfügbarkeit", warnte Zimmer Ende Oktober 2000 nach einem Bericht der "Badischen Neuesten Nachrichten", dürfe nicht durch die Widerstände gegen das Interimslager für Brennelemente gefährdet werden. Man brauche den Ausweichplatz dringend für künftige Revisionen. Auch bei der feierlichen Amtsübergabe, Anfang November, kreisten die Reden ums Wirtschaftliche. In den höchsten Tönen lobte Ulrich Gräber, der inzwischen abgelöste Technikvorstand der Kraftwerksgesellschaft, den scheidenden Leiter Günter Langetepe: Unter dessen Regie avancierte Philippsburg "zu den besten Kraftwerken der Welt, was die Verfügbarkeit angeht". Langetepe habe "entschieden zur Verkürzung der Revisionszeiten beigetragen" und damit "die Zeit der Kostensenkung und Effizienzsteigerung gemeistert". Gräbers Fazit: "Sie können stolz auf das Erreichte sein." Da mochte auch der Nachfolger Zimmer nicht zurückstehen: Mit einer motivierten Mannschaft, versprach der 42-jährige Ingenieur, wolle er "den sicheren und wirtschaftlichen Betrieb der Anlage mit einer hohen Verfügbarkeit aufrechterhalten". Unterzeichnet war der Bericht im Amtsblatt der Stadt Philippsburg mit "EnBW Kraftwerke AG, Öffentlichkeitsarbeit". Ein Dreivierteljahr später, im August 2001, meldete der Neue Vollzug. Gerade mal 13 Tage habe man für die diesjährige Inspektion veranschlagt, berichtete er einem Reporter der "Rheinpfalz". Zitat aus dem Artikel: "Das sei, so Werkleiter Hans- Josef Zimmer mit Stolz in der Stimme, die kürzeste Revisionszeit seit Inbetriebnahme." Die Franzosen, habe Zimmer hinzugefügt, ließen sich da wesentlich mehr Zeit: Dort dauere die Durchsicht eines Kernkraftwerks schon mal vier Wochen. Als der schwere Sicherheitsverstoß beim Wiederanfahren des Reaktors aufgeflogen war, fragte die "Rheinpfalz" nach den Ursachen. Die Antwort lieferte ein namentlich nicht genannter "Insider": "Die Mitarbeiter sind kompetent, stehen aber unter enormem Druck des Konzerns", verriet der dem Regionalblatt. "Die Anlage soll ja laufen, es muss Geld verdient werden." Wurde der Atommeiler also deshalb nicht abgeschaltet, obwohl das Notkühlsystem nicht in Ordnung war? "Jemand, der veranlasst, dass ein Reaktor heruntergefahren wird, hätte sich verantworten müssen vor seinem Chef", bestätigte der Informant. Seine Folgerung: "Klar, dass man versucht, das anders zu lösen." Verfügbarkeit geht vor Sicherheit - diesen fatalen Eindruck versucht EnBW-Chef Goll seither wortreich zu zerstreuen. Es gebe "keine Überbetonung der Wirtschaftlichkeit", versichert er unermüdlich. Das nämlich würde die Zuverlässigkeit des Stromkonzerns massiv in Frage stellen. Doch in der Landespolitik stößt seine Beteuerung auf Zweifel - je nach Verbundenheit mit der EnBW mehr oder weniger offen. Öffentlich artikulierten die Grünen ihren bösen Verdacht: Wirtschaftliche Aspekte, so Fraktionschef Dieter Salomon, hätten "ganz offensichtlich Vorrang vor sicherheitstechnischen Anforderungen". Dies müsse die Atomaufsicht "eingehend untersuchen". Nichtöffentlich äußerte Umweltminister Ulrich Müller (CDU) früh einen ähnlichen Argwohn. Bei der Frage nach den Motiven, bekannte er hinter verschlossenen Türen, ließe sich "unter Umständen sagen: Sie hatten auch den ökonomischen Druck im Hinterkopf". Behaupten wolle er das aber nicht, denn: "Was im Hinterkopf ist, das weiß ich nicht." Es gebe ihm allerdings sehr zu denken, so Müller, wie rasant die Revisionszeiten zusammengeschnurrt seien - von einst 40 Tagen auf heute etwa 15 Tage. Da müsse man sich schon fragen, ob manche Prüfung "bereits in der Betriebszeit" stattfinde. Den Kraftwerkschef bekümmerte im November anderes. Eigentlich, sinnierte Hans-Josef Zimmer mit Blick auf die Nullen, könne der Reaktor derzeit seine Höchstleistung liefern: Bei der spätherbstlichen Wetterlage "ziehe" der Kühlturm nämlich optimal.
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