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99. |
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Junge Welt, 14. Dezember '99 Rot-Grün: Atomausstieg mit neuen Zwischenlagern?Emsländer befürchten Bau einer neuen Castor-Halle nahe dem Atomkraftwerk Lingenvon Reimar PaulIn Lingen gibt es ein Atomkraftwerk und eine Brennelementefabrik, doch bislang stand die Stadt im Emsland und kurz vor der Grenze zu den Niederlanden nicht gerade im Blickpunkt der Antiatombewegung. Seit die rot-grüne Bundesregierung jedoch ihren Plan verkündet hat, auf dem AKW- Gelände ein »standorteigenes« Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll zu errichten, regt sich in der strukturschwachen und politisch konservativen Region der Widerstand. Als die Antragsunterlagen im Spätsommer ausgelegt wurden, kippten Landwirte mehrere Fuder Mist vor dem Lingener Rathaus ab. Auf dem Marktplatz simulierten Umweltschützer mit einer Pappattrappe den »Falltest« eines Castorbehälters aus neun Metern Höhe. Zu einem Aktionstag kamen Ende September 300 Atomgegner in die Innenstadt, und mehr als 3 000 Menschen erhoben in den vergangenen Monaten bei der Genehmigungsbehörde, dem Umweltminister Jürgen Trittin unterstellten Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), schriftlich Einwand gegen das Lager. Über die Bedenken wird ab Mittwoch bei einem Erörtungstermin diskutiert. Beantragt wurde das Zwischenlager vom Betreiber des AKW Lingen, der Kernkraftwerke Lippe-Ems-GmbH. Das Unternehmen ist eine Tochter des Stromkonzerns Vereinigte Elektrizitätswerke (VEW). Die geplante Lagerhalle für atomare Abfälle soll den Antragsunterlagen zufolge 110 Meter lang, 30 Meter breit und 20 Meter hoch werden. 130 Castorbehälter mit rund 2 000 abgebrannten Brennelementen soll sie aufnehmen können. Auch leere, nach Transporten kontaminierte Behälter sowie andere radioaktive Abfälle sind zur Lagerung vorgesehen. Stutzig sind die Atomgegner in Lingen schon wegen der Dimension des Lagers geworden. Mit der beantragten Kapazität, so Angela Kröger vom Arbeitskreis »Keine Castor-Halle in Lingen«, könnte das 1988 ans Netz genommene AKW noch 40 weitere Jahre betrieben werden, ohne daß irgendwann Atommüll abtransportiert werden müßte. Da eine solche Laufzeit selbst der atomfreundlichen rot- grünen Bundesregierung zu lang ist, befürchtet der Arbeitskreis, das Lager könnte auch für abgebrannte Brennelemente aus anderen Reaktoren genutzt und damit klammheimlich zu einem weiteren bundesweiten Zwischenlager umgewandelt werden. Darüber hinaus haben die Kritiker des Zwischenlagers auch grundsätzliche Sicherheitsbedenken. Das »Gesamtaktivitätsinventar« am Standort Lingen werde sich mit der Inbetriebnahme des Lagers »drastisch erhöhen«, meint Angela Kröger. Das Risiko verstärke sich noch dadurch, daß das Behälterlagerkonzept nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entspreche. Die Castorbehälter bildeten die einzige Sicherheitsbarriere, die Langzeitsicherheit der Behälter sei nicht gewährleistet. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz bezweifeln mehrere Protestler zudem die Transportsicherheit der Castoren. Bei dem morgigen Erörterungstermin wollen die Atomgegner schließlich auch das Entsorgungskonzept der Bundesregierung attackieren. Der Bau von standorteigenen oder -nahen Zwischenlagern ist für Trittin, Schröder und Co. nämlich eine prima Alternative zu den ungeliebten und kostenaufwendigen Castor- Transporten. Und wenn, wie beabsichtigt, die Atomkraftwerke noch 30 oder 40 Jahre weiterlaufen, dann braucht es auf Dauer neben Ahaus und Gorleben ohnehin weitere Lagerplätze.
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