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AP-Agenturmeldung, 15. Februar '00

Ein kleiner Boom der Atombranche im Schatten des Ausstiegs

Das umstrittene Zwischenlager-Konzept der Bundesregierung sorgt beim Castor- Hersteller für zusätzliche Millionenumsätze

von Verena Schmitt

Berlin (AP) Die Bundesregierung müht sich nach Kräften, die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu beenden. Doch für einen Teil der Branche ist die Berliner Atompolitik geradezu ein Beschäftigungsprogramm: Der Hersteller von Castoren, die Essener Gesellschaft für Nuklear-Behälter, erwartet für die kommenden Jahre einen Boom und sogar einige Dutzend neue Arbeitsplätze. Lag der Umsatz mit den Sicherheitscontainern 1998 noch bei etwa 70 Millionen Mark, sagt die GNB selbst für das laufende Jahr bis zu 120 Millionen Mark vorher.

Wir planen, im Laufe des Jahres die Kapazität zu erweitern», sagt Klaus Janberg, Geschäftsführer der GNB-Mutter Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) - beide Firmen sind eng verwoben und getragen von den Energieversorgern. Ein Grund für die rosigen Zeiten der GNB, die die bis zu 130 Tonnen schweren Stahlmonster in Mühlheim an der Ruhr produziert, ist die gerade genehmigte Wiederaufnahme von Atomtransporten. Mehr noch hilft aber die Entscheidung der Bundesregierung, die Wiederaufbereitung von Atommüll so schnell wie möglich zu beenden.

Stattdessen sollen die abgebrannten Brennelemente direkt in Zwischenlager gehen, zunächst noch in die bisherigen Lager Ahaus und Gorleben, später nach dem Willen der Bundesregierung in Stellplätze direkt an den Reaktoren, deren Genehmigung vier bis fünf Jahre dauern dürfte. Um die jährlich anfallenden 430 Tonnen strahlenden Materials mit möglichst geringem Risiko zu lagern, werden künftig mindestens 50 neue Castoren pro Jahr gebraucht. Bisher liegt die Jahresproduktion der zwei bis drei Millionen Mark teuren Spezialbehälter bei 30.

Die Wende im Entsorgungskonzept ist im Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung festgelegt. Ziel ist es allgemein, durch den Stopp der Wiederaufbereitung die Nutzung der Atomkraft endlich zu machen. Die «standortnahen Zwischenlager» sollen Atomtransporte in Deutschland künftig vermeiden, wie Umweltminister Jürgen Trittin bei der Eröffnung des ersten derartigen Lagers in Lubmin im November bekräftigte.


Gebete für Herrn Trittin

Paradoxerweise scheint die Zwischenlagerpolitik des grünen Umweltministers bei der Atombranche Beifall zu finden, während ihm Umweltschützer die Gefolgschaft immer weiter aufkündigen. Über die Neuerung seien «die Energieversorger ganz und gar nicht böse», meint der Geschäftsführer des westfälischen Zwischenlagers Ahaus, Peter Munz, und verkündet scherzhaft, mancher schließe Herrn Trittin nun jeden Abend in seine Gebete ein. Seine Rechnung ist einfach: Keine Transporte, keine Tumulte am Castor, keine schlechte Presse für die Betreiber. «Die schieben künftig nur noch hinter ihrem Zaun auf ihrem Gelände den Castor vom Reaktor in das Zwischenlager», sagt Munz.

Selbst die erwarteten Kosten von 30 bis 50 Millionen Mark pro Zwischenlager seien für die Betreiber in kürzester Zeit zu verkraften. Gegenüber einer mittelfristigen Lagerung in Ahaus gebe es auch keine Sicherheitseinbußen, da - nach Transporten durch die halbe Republik - auch dort nur eine einfache Halle für die Castoren zur Verfügung stünde.

Atomgegner schlagen hingegen Alarm. Zwischenlager an Kraftwerken wären nur bei einem sofortigen Ende der Atommüllproduktion akzeptabel, sagt Ralf Peters von der Bürgerinitiative Hessen-Baden-Plenum. Nun seien aber etwa für das geplante Zwischenlager am Kernkraftwerk Biblis so viele Stellplätze für Castoren beantragt worden, dass die Kapazität für 20 weitere Betriebsjahre reichen würde, kritisiert Peters, der darin so etwas wie eine Produktionsgarantie unter erleichterten Bedingungen sieht. «Der Widerstand formiert sich», meint der Umweltschützer und verweist auf die Sicherheitsrisiken, wenn Atommüll jahrelang in Ballungszentren mehr oder weniger ungeschützt herumsteht.

Solche Bedenken wiederum lässt die GNB nicht gelten, die ihre Castoren unter realistischen Bedingungen für praktisch strahlungsfrei und unzerstörbar hält. GNS-Geschäftsführer Janberg verweist gerne darauf, dass die aus 30 Zentimeter dickem Gusseisen gefertigten Behälter in Tests nicht nur das Inferno eines explodierenden Kesselwagens, sondern auch den Sturz aus neun Metern Höhe auf eine Betonplatte ausgehalten haben.

Wie lange die Castoren als rollfähige Zwischenlager bis zur Umfrachtung des Mülls in ein Endlager durchhalten müssen, ist allerdings ungewiss. Bereits im Koalitionsvertrag nennt Rot-Grün ernsthafte Zweifel am Endlagerstandort Gorleben. Während der Suche nach einer Alternative könnte der Atommüll noch Jahrzehnte an den Kraftwerken stehen - selbst wenn die Meiler auf Wunsch der Regierung dann längst abgeschaltet sind.


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