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Stuttgarter
Nachrichten, 09. Februar '00"Die letzte Schlacht werden wir gewinnen''Widerstand gegen Castor wächst: In Gorleben und Ahaus machen Atomkraft-Gegner wieder mobilvon Claus-Peter Tiemann und Andreas RehnoltGorleben/Ahaus - Das gigantische X ist im Wendland wieder überall zu sehen: Als Lattenkreuz an Bäume genagelt, mit weißer Farbe auf Straßen gepinselt oder aus Holz auf Wiesen. Das X ist das Symbol für den Widerstand gegen das Atomzwischenlager Gorleben, es steht für den Tag X, an dem wieder ein Atommülltransport stattfinden wird. Die Bürger in dem abgeschiedenen Landstrich im östlichen Niedersachsen bereiten sich darauf vor, dass nach drei Jahren Pause im Herbst wieder eine Castor-Ladung voller Atommüll in ihre Heimat rollen soll. Schon werden die bundesweiten Telefonlisten der blitzschnell mobilisierbaren Atomkraftgegner aktualisiert. In der Widerstandszentrale in Lüchow geben sich die Aktivisten die Klinke in die Hand. Das jüngste Projekt ist die Ausdehnung des Widerstandes in Richtung Osten. "Wir bekommen plötzlich Zugang zu Bereichen, in die wir bisher nicht vordringen konnten'', berichtet Francis Althoff von der Bürgerinitiative in Lüchow, während er einer Schülerin drei Anti-Atom-Plakate aushändigt. Die Elbe und die Grenze nach Sachsen-Anhalt waren bisher für die Anti-Atom-Bewegung im Wendland unüberwindlich. "Viele DDR-Bürger haben erst nach dem Mauerfall erfahren, dass es Gorleben gibt'', sagt Althoff. Doch seitdem wegen einer baufälligen Brücke auf der West-Bahnstrecke ein Transport der Castoren über den Ort Arendsee im Herz der Altmark ins Gespräch gekommen ist, scheint sich das zu ändern. "Wir haben schon Angebote für Grundstücke, auf denen wir Camps errichten dürfen'', freut sich der Widerstandsorganisator. Auch eine Bürgerinitiative würde im Osten gegründet. Generell erwartet er, dass die Protestwelle gegen den geplanten vierten Transport nach Gorleben noch größer werden wird als 1997. Der Verladebahnhof in Dannenberg liegt seit fast drei Jahren unberührt da, die Schienen haben Rost angesetzt. Ein Privatwachmann dreht auf dem mit Nato-Draht gesicherten Gelände einsam seine Runden. Hier wurden bisher acht Castor-Behälter von der Bahn auf Lastwagen umgeladen, um sie über die letzten Kilometer in das Zwischenlager Gorleben zu bringen. Hier hatten sich tausende Demonstranten schon dreimal mit tausenden Polizisten aus ganz Deutschland auseinandergesetzt, um die Durchfahrt zu blockieren. In Dannenberg ist der Widerstand nicht eingeschlafen. Viele Autos tragen einen Anti-Atom-Aufkleber. Ein Aktivist hat an ein Fachwerkhaus die Parole gepinselt: "Die letzte Schlacht gewinnen wir.'' Auch im westfälischen Ahaus wappnen sich die Atomkraftgegner. "Der Widerstand ist wieder da'', sagt Hartmut Liebermann von der Bürgerinitiative Kein Atommüll in Ahaus angesichts des für August erwarteten Beginns einer Serie von fünf Transporten. Für den 20. Februar ist eine Demonstration unter dem Motto "Gegen Atomwahnsinn und Castor-Transporte'' geplant, an der die unterschiedlichsten Gruppen teilnehmen werden. Die Aktion steht im Zusammenhang mit den "Sonntagsspaziergängen'', die seit über sechs Jahren monatlich einmal am Atommüll-Lager stattfinden. Die wöchentlichen Treffen der Bürgerinitiative in der Gaststätte Am Schulzenbusch sind , so Peter Münster, seit der Entscheidung des Strahlenschutzamtes über die Zulassung neuer Transporte wieder besser besucht. Münster ist Vorsitzender der Initiative, die rund 250 Mitglieder hat. "Der Widerstand hat seit den Protesten im März 1998 nicht nachgelassen'', sagt der Kerntechnik-Ingenieur, der in Ahaus als Berufsschullehrer arbeitet. Auf dem Weg zum Brennelemente-Zwischenlager wehen auf einer Strecke von neun Kilometern rund 100 schwarze Fahnen. Münster ist sicher, dass es "einen heißen Herbst'' in der 35000-Einwohner-Stadt geben wird. Burkhard Helling, bis vor kurzem Vorsitzender der Initiative in Ahaus, glaubt, dass sich die Schlagkraft der Atomkraftgegner noch erhöhen lässt. Die Gruppen seien inzwischen besser organisiert und hielten über Internet intensiven Kontakt. 17 Initiativen haben sich nach seinen Worten jetzt zum Aktionsbündnis Westliches Westfalen zusammengeschlossen. Viele Atomkraftgegner aus der Region haben inzwischen ihre Protestplakate und Transparente gegen die Castor-Transporte und die Zwischenlagerung in Ahaus wieder ausgepackt. "Die Argumente dagegen sind heute noch genauso gültig wie im März 1998'', sagte eine junge Mutter am Montag in der Fußgängerzone von Ahaus. "Wir wollen lachen, nicht strahlen'', heißt es auf ihrem Plakat. Andere Mitglieder der Initiative meinten: "Der Castor ist todsicher - so sicher wie die Titanic.''
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