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Kölner Stadtanzeiger, 21. Februar '00 Ernster Protest mit einem Hauch von KarnevalDer Widerstand rund um das westfälische Zwischenlager zeugt von Aufmüpfigkeit und Witzvon Harald BiskupAhaus/Kreis Borken. Was sich an diesem erstaunlich sonnigen Sonntag nachmittag in Ahaus im äußersten Westen des Münsterlandes abgespielt hat, könnte einem Handbuch des zivilen Ungehorsams abgeguckt sein. Der Widerstand gegen insgesamt fünf vom Bundesamt für Strahlenschutz genehmigte Castor-Trasporte speist sich aus einer Portion Aufmüpfigkeit, aus Witz und der alten Devise, dass, wer nicht käpfe, ohnehin schon verloren habe. Neben dem in die Jahre gekommenen, aber offenbar unverwüstlichen Symbol der Anti-Atom-Bewegung gibt es auch ein paar neue Slogans, mit denen die Kernkraftgegner unter Beweis stellen wollen, dass sie päsent und auf der Höhe der Zeit sind: "Wir kaufen den Ausstieg" verkünden Spruchbänder an dem Traktor, der den Protestzug anführt und einen silbrig glänzenden "Atommeiler" und ein halbes Dutzend Geldkoffer hinter sich herzieht. Ahaus ist nicht eben eine Hochburg des Frohsinns, doch überall künden Plakate von der bevorstehenden "Nacht der Narren", und so haben in diesen "Sonntagsspaziergang" zum Brennelemente-Wzsichenlager vor den Toren der Stadt jahreszeitspezifische Elemente Eingang gefunden: Der Marsch hat etwas von einem vorweggenommenen Karnevals-Umzug - so ernst das Anliegen den Teilnehmer auch ist. Es schient, so stellen alte Kämpen aus der Bewegung befriedigt fest, als sei die Stadt dabei, ihre ganz eigene Protestkultur zu entwickeln, wobei der "Sonntagsspaziergang" inzwischen schon als eingeübtes Ritual gelten kann. Seit dem von massiven Protesten begleiteten Castor-Transport vor zwei Jahren hat Ahaus sich in dieser Hinsicht aus dem Windschatten von Gorleben emanzipiert. Morgens Hochamt, nachmittags Demo sei schon früher kein Widerspruch gewesen, "wir sind nur nicht wahrgenommen worden", sagt ein Lehrer, der von Anfang an in der Ahauser Bürgerinitiative gegen Nuklar-Müll mitmacht. Wie selbstverständlich ist im katholischen Münsterland auch die Organisation "Pax Christi" an vorderster Front dabei. "Atom und Korruption gedeihen prächtig - das ist verdächtig" steht auf einem Transparent, das ein älterer Mann unverdrossen in den westfälischen Himmel hält. Auf einem anderen heisst es, jeder Castor sei ein "legaler Anschlag auf meine Kinder, Enkel und Urenkel", und dann folgen ungefähr drei Dutzend Ausrufezeichen.Wer es noch nicht weiss, erfährt am Info-Stand, dass die Halbwertzeit von Plutonium 25 000 Jahre betrage. Eine Gross-Demo wie von den Veranstaltern angekündigt, ist es nicht, aber wenn an einem Februar-Sonntag, ein knappes halbes vor dem vermuteten ersten Transporttermin, am Ende 800 Menschen auf den Beinen sind, wertet man die Beteiligung als Erfolg. Schließlich habe die Mobilisierung gerade erst begonnen. Noch sind die Buh-Rufe und die Pfiffe verhalten, als der Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative am Kriegerdenkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges davon spricht, dass ein Teil der im Zwichenlager deponierten Castor-Behälter bereits "vor sich hin rosten" würden, weil sie nicht fachgerecht lackiert seien. Bei anderen hätten Nachmessungen ergeben, dass sie "in unzulässiger Weise Kontaminationen" freisetzten. Entsetzte Reaktionen. Wütend und aufgebracht reagieren die Menschen auch auf die Nachricht, dass in der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield Prüfberichte manipuliert oder gar gefälscht worden sein sollen. Skeptische Blicke zieht Wolfgang Kühr auf sich, Experte für Energiepolitik beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, als er in seiner Rede vollmundig einen alten Traum der Kernkraftgegner wiederaufleben lässt, dass nämlich Enigkeit stark mache, "und wir, wenn wir zusammenstehen, irgendwann die Atomwirtschaft in die Knie zwingen werden". Darauf deutet derzeit wenig hin, in dieser Einschätzung sind sich viele "Sonntagsspaziergänger" einig. Die Festlegung der "Restlaufzeiten" bedeute in Wirklichkeit doch eine "Dauergenehmigung" für die Kernkraftwerke und sei eine "Morgengabe" der Schöder-Regierung bei den Energie-Konsensgesprächen gewesen. Noch artikulieren sich Enttäuschung und Wut über die Haltung des einstigen Mitstreiters Jürgen Trittin (manche sprechen ganz offen von "Verrat") in einem bösen Cartoon mit der Sprechblase "Schafft mir diesen Mann aus den Augen". Wenn im Sommer tatsächlich erstmals die heikle Castor-Fracht in der Verantwortung eines grünen Bundesministers für Umwelt und Reaktorsicherheit nach Ahaus rollen sollte, wird der Widerstand erheblich massivere Formen annehmen als vor zwei Jahren. Der nächste Castor-Transport wird ganz bestimmt kein Sonntagsspaziergang.
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