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NRZ, 12. Januar 2001

Der Helikopter kreist schon über der Stadt

Ahaus (NRZ). Castor macht´s nötig: Über dem Städtchen kreist ein Polizei-Helikopter, entlang der Straße zum Zwischenlager haben bürgerbewegte Aktivisten wieder Dutzende neuer schwarzer Flaggen aufgestellt. Ahaus wartet nach drei Jahren auf den nächsten Bahn-Transport mit abgebrannten Brennelementen. Eine Stadt vor dem Ausnahmezustand.

Erinnerungen werden wach an den 20. März 1998, als sich im Westfälischen Atomgegner an Gleise ketteten, um den Zug aufzuhalten; als über 600 Demonstranten eingekesselt und bis zum nächsten Tag ohne richterliche Genehmigung in Gewahrsam genommen wurden; als Tausende Polizisten für den Transport zentimeterweise das Gleis frei räumten. Ein 130 Millionen DM teures Spektakel.

Dirk Korte hielt sich an diesem Tag die meiste Zeit im Rathaus auf. Stallwache, organisieren. Der heutige Bürgermeister, damals noch stellvertretender Stadtdirektor, erinnert sich, wie er die "Toten Hosen" am nahen Bahnübergang auftauchen sah und es dort Randale gab. Schäden für die 37 000-Seelen-Stadt habe es kaum gegeben, allenfalls um 10 000 Mark. "Und was den Müll angeht: Wenn bei uns Karneval gefeiert wird, ist es mindestens genauso viel."

Das Stadtoberhaupt, ein mit 58 Prozent der Stimmen gewählter CDU-Mann, setzte für den neuen Transport auf einen "Runden Tisch", an dem alle wichtigen Gruppen - von Polizei bis Anti-Bürgerinitiative - Platz nahmen. Aber dort finden sich inzwischen einige leere Plätze.

Die Gegner des Zwischenlagers zogen im Dezember mit der SPD-Fraktion sowie der unabhängigen Wählergemeinschaft ab. "Uns fehlte eine politische Aussage zu den Transporten", erklärt Hartmut Liebermann (51) von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". Nach seinem Eindruck ging es der Polizei vor allem darum, das Castor-Sechserpack problemlos ins Lager zu bringen. Eine Aufarbeitung des 98er-Einsatzes, gar ein Eingeständnis von Mängeln sei dagegen kein Thema gewesen. Als zuletzt auch noch NRW-Innenminister Fritz Behrens der Ahauser Bitte nicht entsprach, den Transport an einem Samstag zu starten, damit weder Schulen noch das Geschäftsleben in Mitleidenschaft gezogen werden, war das "Runde Tisch"-Tuch zerschnitten.

Nun zieht sich wieder ein Graben durch die Stadt. Bürgermeister Korte drückt es so aus: "Je näher der Transport rückt, desto schärfer werden die trennenden Linien." Hier stehen die Atomkraftgegner, die nicht an einen Ausstieg aus der Kernenergie glauben, dort die Pragmatiker, die mit dem Zwischenlager durchaus leben können.

Man darf ja nicht verkennen: Die Stadt profitiert davon, dass die Atomfirmen hier ihren Müll (zwischen-)lagern. Es geht dabei nicht um die Rolle als Arbeitgeber. In dem schmucklosen Betonbau am Rande der Stadt entstanden allenfalls 25 Stellen plus Wachpersonal.

Wichtiger wiegt, dass über sieben Jahre 49 Millionen Mark an Landesmitteln nach Ahaus flossen. Dazu kommen jährliche Zuwendungen der Betreiber in Höhe von zwei bis zweieinhalb Millionen Mark. "Gelder, die wir allesamt in die Infrastruktur gesteckt haben", betont Korte und verweist darauf, dass in seiner Stadt keineswegs die große Flucht einsetzte, seit es das Zwischenlager gibt. Seither sei die Einwohnerzahl vielmehr um 6000 Menschen gestiegen. Der 61-Jährige blickt freilich mit Sorge auf die kommenden Wochen. "Ich fürchte, es könnte härter werden als zuletzt."

Castor-Gegner Liebermann erwartet trotz des Atomkonsenses wieder zehntausende Demonstranten. "Die Entsorgungsfrage ist keineswegs gelöst. Wohl auch deshalb läuft die Mobilisierung gut an." Wie zur Bestätigung klingelt das Telefon. Die Naturfreundejugend Bochum fordert Info-Material an.

Bei der Stadt wird bald auch das Bürgertelefon läuten, über das die Ahauser ihre Sorgen loswerden können. Dazu gab es beim 98er-Einsatz einfach zuviele Pannen. Damals wurden zwar zum Beispiel Passierscheine für Anwohner ausgestellt. Am Demo-Tag aber galten sie plötzlich nicht mehr. Auch Betriebe konnten ihre Waren nicht ausliefern. Es geht in Ahaus zudem das Gerücht um von einem örtlichen, hochrangigen Polizisten. Der sei unter Androhung von Waffengewalt von seinen Kollegen daran gehindert worden, von einer Straßenseite auf die andere zu gelangen. Eine Stadt im Ausnahmezustand.


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