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Die
Welt, 30. Januar 2001Nicht Angela Merkel, sondern Jürgen Trittin ist jetzt der Hassname von GorlebenDie Grünen halten an Anti-Blockade-Beschluss festvon Wulf SchmieseDer Umweltminister hat zwar das Endlager Gorleben aufgegeben, doch seine einstigen Freunde nehmen ihm dieses Vorhaben nicht ab - Die grüne Basis ist bereit für neue Proteste Lüchow - Die Ausweise gibt es noch. Vor 21 Jahren wurden sie verteilt, und in zwei Monaten werden die Demonstranten sie wieder besingen: "30 000 mit dem Wendenpass . . ." Nach der Melodie von den drei Chinesen mit dem Kontrabass wird das Protestlied ertönen, wenn Polizisten in Dannenberg mit der Räumung beginnen. Dort, wo die Gleise enden und die Castor-Behälter vom Zug auf Lastwagen gehievt werden. Im Grunde wird es sein wie in all den Jahren zuvor auch. Trecker blockieren Straßen, Menschen ketten sich an Schienen, Megafone dröhnen auf beiden Seiten, und Wasserwerfer fahren vor auf der einen. Nur politisch ist alles anders: Der Gegner ist diesmal der Mitkämpfer von einst. Nicht mehr Merkel ist der Hassname im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg, wie noch beim letzten Castor-Transport 1997, sondern vor allem Trittin. Als die "Freie Republik Wendland" im Mai 1980 entstand, war die Partei der Grünen fünf Monate alt. In einem dürren Kiefernwald hatten Alternative Hütten und Türme gebaut, einen Kirchplatz, ein Frauenhaus und sogar ein Theater. 3000 Menschen lebten damals im Wald neben dem 700-Einwohner-Dorf Gorleben und fühlten sich standhaft wie Gallier. 33 Tage siedelten sie auf dem Bohrplatz Nummer 1004, bis die Polizei ihn räumte. Fast einen Kilometer unter ihnen, in den Salzstöcken, sollte Deutschlands einziges Endlager für Atommüll entstehen. 20 Jahre später hat Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Erkundungen für dieses Endlager einstellen lassen. Die Bundesregierung riskiert dafür sogar eine Verfassungsklage, die Bayern vor einem Monat in Karlsruhe einreichte. Der Vorwurf: Rot- Grün lasse die Länder allein mit deren Atommüll. Im Wendland gilt Trittin bei früheren Sympathisanten dennoch als Verräter. "Wir glauben keineswegs an das Ende des Endlagers Gorleben", sagt Jochen Stay von der Antiatomkampagne "X-tausendmal quer - Überall". "Trittin drückt sich vor der Verantwortung. Im Konsens mit den Stromversorgern ist nur ein dreijähriges Moratorium vereinbart. Hier sind sich alle sicher, dass es danach weitergeht." Vor allem aber schlägt Trittin Zorn entgegen, weil er den Tag X zulässt. Kaum jemand von den 50 000 Lüchow-Dannenbergern hätte sich vorstellen können, dass ausgerechnet ein grüner Minister für Castor-Transporte in die Region plädiert und auch noch fordert, Widerstand dagegen zu unterlassen. So verlangt es die Partei: Keine Blockaden mehr am Tag X, wenn der Castor wieder rollt. Es werden wohl mehrere Tage X. Wenn in der Nacht vom 26. auf den 27. März die sechs Castor-Behälter über die Grenze von Straßburg nach Kehl rollen, haben sie schon ganz Frankreich durchquert. Im normannischen La Hague werden sie dann auf Züge gehoben worden sein und ohne ein Heer von Demonstranten und Polizisten aus dem Land gerollt. Für die Zugfahrt innerhalb Deutschlands gilt Sicherheitsstufe eins. Einen Tag soll diese Reise dauern, oben Hubschrauber, links und rechts der schleichenden Eisenbahn Hundertschaften von Bundesgrenzschützern, Wachablösung im Zweistundentakt. Je weiter der Zug nach Norden rollt, desto schwieriger die Strecke. Denn die Atomkraftgegner im Wendland pfeifen auf den Grünen-Appell, diesen Transport nicht zu blockieren, da er doch dem Ausstieg diene. "Wenn diese Castoren durchgehen, ist der Weg frei für mindestens 500 weitere Atommülltransporte", sagt Jochen Stay mit radikaler Logik des "Ausstieg sofort"-Anhängers. Denn Frankreich ist erst wieder bereit, aus Deutschland abgebrannte Kernbrennstäbe zur Wiederaufarbeitung ins Land zu lassen, wenn die sechs Müllbehälter aus La Hague geholt sind. Dann können noch bis 2005 die Nukleartrecks fahren, wie es die Bundesregierung im Atomkonsens mit der Industrie vereinbart hat. Fast zwei Jahrzehnte noch muss dann das, was vom aufgearbeiteten Atommüll übrig bleibt, von Deutschland abgeholt und in das zentrale Zwischenlager in Gorleben gebracht werden. 40 Jahre klingen die Behälter dort ab, bis sie in einem - noch zu suchenden - Endlager verschwinden. Für Hardliner wie Stay sind solche Stufen zum Ende der Atomkraft kein Ausstieg. "Wenn zu Hause die Badewanne überläuft, diskutiert die Familie ja auch nicht, ob Eimer, Schrubber oder Lappen besser sind zum Wischen. Da dreht man zuerst den Hahn zu und überlegt dann, wie der Schaden beseitigt wird." Als im März 1997 zuletzt die Castoren nach Gorleben rollten, stellten sich Trittin und Fraktionschefin Kerstin Müller mit in die Reihe vor dem Verladekran in Dannenberg. Stay stand neben ihnen und sah, wie sie sich über den zivilen Ungehorsam der 9000 Demonstranten freuten. Stay spricht von 4000 Anmeldungen für den Castor- Protest. Weit mehr als 10 000 Blockierer könnten es werden, wenn die lokale Bürgerinitiative und die Bäuerliche Notgemeinschaft ihre Leute aktivieren. Gewiss wird jeder Castor-Behälter das Zwischenlager erreichen - wenn auch verzögert. Doch für die Grünen droht die Abrechnung im Herbst. Dann sind im Wendland Kommunalwahlen - das erste Mal, seit Rot-Grün regiert.
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