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Die Tageszeitung, 07. Juli 2003

Atomausstieg? Nicht in Gronau

von Armin Simon

Dreimal so viel Uran wie bisher sollen in Gronau künftig AKW-tauglich gemacht werden - Atomausstieg hin oder her. Ein Schutz der Atom-Chemie-Fabrik gegen Jumbo-Abstürze ist nicht vorgesehen. Ab heute werden die 7.500 Einwände dagegen erörtert

Atomausstieg? Im nordrhein-westfälischen Gronau ist davon nichts zu spüren. Deutschlands einzige Urananreicherungsanlage setzt auf Ausbau: Statt 1.680 Tonnen sollen nach dem Willen der Betreiberin Urenco dort jährlich bis zu 7.680 Tonnen Natururan AKW-tauglich angereichert werden - genug Brennmaterial für rund 35 große Reaktoren. 7.500 Einwände gegen den Ausbau sind beim Wirtschaftsministerium in Düsseldorf eingegangen. Ab heute werden sie in einer Halle in Legden erörtert.

Urenco wird dann unter anderem erklären müssen, warum sie die Atom-Chemie-Fabrik und die dazugehörigen Chemikalienlager nicht gegen Terroranschläge aus der Luft absichern will. Die Urenco-Zentrifugen verarbeiten das Uran nämlich in Form des chemisch hochbrisanten Uranhexafluorids. Die Lagerkapazität für diese Chemikalie - sie ist nicht nur radioaktiv, sondern bildet bei Kontakt mit Wasser auch die äußerst ätzende Flusssäure - soll nach dem Willen Urencos von derzeit gut 42.000 Tonnen auf über 59.000 Tonnen steigen. Bei einem Unfall mit Uranhexafluorid, warnt der Physiker Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie Hannover, könne die hochgiftige Wolke dann bis ins Stadtzentrum von Gronau treiben. "Da ist so gut wie sicher, dass es auch Tote geben wird", prophezeit er. "Restrisiko", sagt Urenco-Sprecher Manfred Krey dazu. Und: "Andere Chemieanlagen sind auch nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert."

Gefährdet ist durch die Urananreicherungsanlage aber nicht nur Gronau selbst. Per Bahn und Lkw legen die Container mit der Fluoridverbindung tausende von Kilometern zurück, oftmals durch dicht besiedeltes Gebiet. "Strahlend fährt der Tod durchs Land", protestierte gestern die Umweltschutzorganisation Robin Wood auf der Landesgartenschau in Gronau.

Mit seinen drei Anreicherungsanlagen in Gronau, im niederländischen Almelo und im britischen Capenhurst deckt Urenco derzeit 15 Prozent des Weltmarkts an angereichertem Uran. Im letzten Jahr erwirtschaftete der Konzern nach eigenen Angaben 632 Millionen Euro Umsatz und einen Gewinn von 87 Millionen Euro. Die Urenco-Zentrifugen benötigten 60 Prozent weniger Energie als entsprechende Anlagen in den USA und Frankreich, sagt Krey - ein wirtschaftlicher Vorteil, der Kunden lockt. Nicht nur Gronau, auch die anderen Urenco-Standorte sollen daher ausgebaut werden. Krey: "Der Bedarf ist da."

Wer in Deutschland aus der Atomenergie aussteigen wolle, dürfe den Ausbau und Weiterbetrieb von AKWs in anderen Ländern nicht sichern, argumentiert dagegen Robin Wood. Wie der Arbeitskreis Umwelt Gronau fordert die Organisation die Stilllegung der Anlage statt deren Kapazitätserweiterung. Bundesumweltminister Jürgen Trittin wollte das gestern nicht kommentieren.

Das bei der Anreicherung abfallende abgereicherte Uranhexafluorid lagerte anfangs in Containern auf dem Gelände. Russische Anlagen extrahieren daraus seit 1997 noch den letzten Rest brauchbares Uran. Künftig will sich der Konzern eine weitere Möglichkeit offen halten: Das Uranhexafluorid soll im südfranzösischen Pierrelatte in Uranoxid umgewandelt werden, das dann in Gronau gelagert wird. Künftige Generationen könnten, sagt Krey, könnten den "Wertstoff" dann verfeuern - etwa in einem schnellen Brüter.


weitere Infos zur Erweiterung der Urananreicherungsanlage Gronau

Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau, Natur- und Umweltschutzverein Gronau (NUG), 02. Januar 2005
Unterschriftenaktion "Stilllegen statt erweitern!"

AFP-Agenturmeldung, 07. Januar 2005
IAEA-Chef schlägt weltweites Moratorium für Uran-Anreicherung vor

Arbeitskreis Umwelt Gronau u.a., Demonstrationsaufruf, 09. Oktober 2004
"Den Hahn zudrehen - Die Atomfabrik Gronau stilllegen, sofort!"

Arbeitskreis Umwelt Gronau, Pressemitteilung, 06. September 2004
Protestkundgebung vor der niederländischen Uranfabrik in Almelo

anti-atom-aktuell.de, 20. Juli 2004
"Herr Steinbrück: Erst Urenco stoppen - dann mit Udo rocken!"

DDP-Agenturmeldung, 21. Juni 2004
Uran-Transport nach Russland - Atomkraftgegner rufen zu Protesten auf

Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, Pressemitteilung, 24. Mai 2004
Protest gegen Jahrestagung Kerntechnik in Düsseldorf

Westfälische Nachrichten, 14. Januar 2004
Ratsmehrheit hat keine Bedenken gegen Ausbau

Westfälische Nachrichten, 30. Januar 2004
Richtkrone thronte im statt über dem Neubau

Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, 08. Januar 2004
Internationaler Protest gegen Almelo

Süddeutsche Zeitung, 02. Januar 2004
Der Atom-Schwarzmarkt

DPA-Agenturmeldung, 01. Januar 2004
Deutsche Atomtechnik-Teile für Libyen abgefangen

Die Tageszeitung, 18. Dezember 2003
Urencos russische Uran-Deals

AFP-Agenturmeldung, 26. November 2003 u.a.
Areva/Urenco: 3 Mrd. Euro in eine neue Urananreicherungsfabrik

AKU Gronau, BBU, 11. Juli 2003
In NRW soll das bundesweit einzige Uranoxidlager gebaut werden

Frankfurter Rundschau, 10. Juli 2003
Tausende Einwände gegen Ausbau der Urananreicherung

AKU Gronau, BBU, 10. Juli 2003
Urananreicherungsanlage: BBU wirft Landesregierung NRW Irreführung der Bevölkerung vor

Die Tageszeitung, 07. Juli 2003
Atomausstieg? Nicht in Gronau

Junge Welt, 07. Juli 2003
Urananlage soll wachsen

Robin Wood, 07. Juli 2003
Atomfabrik Gronau schließen - Aktion auf der Landesgartenschau

AKU Gronau, BBU, DNR und Robin Wood, 04. Juli 2003
Umweltorganisationen protestieren gegen den beantragten massiven Ausbau der Uranfabrik in Gronau

AKU Gronau, Robin Wood, BBU, 26. März 2003
Mehr als 6.000 Einsprüche gegen den Ausbau der Gronauer Atomfabrik

Münsterland Zeitung, 28. Januar 2003
Urananreicherung soll erweitert werden

Junge Welt, 28. Januar 2003
Uran bis zum Abwinken

Die Tageszeitung, 28. Januar 2003
Uran aus Deutschland

Robin Wood, 27. Januar 2003
Ausstieg statt Ausbau - Aktion auf dem Gronauer Rathaus

redaktion@uwg-ahaus.de, Januar 2003
Gronau stillegen statt erweitern


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