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AP-Agenturmeldung, 15. Juni '00

Umweltschützer empört über Atomkonsens

Industrie spricht von Nötigung - Lob von Gewerkschaften - Grüne gespalten - Union will Fehlentscheidung korrigieren

Berlin. Einen Sturm der Empörung hat der Atomkonsens zwischen Bundesregierung und Stromversorgern bei Umwelt- und Naturschützern ausgelöst. Die rot-grüne Koalition mache der Atomindustrie ein Geschenk, kritisierten die Verbände am Donnerstag in Berlin. Die Industrie sprach dagegen von einer Nötigung zum Abschalten. Bei den Grünen fand der Kompromiss ein geteiltes Echo. Vorstandssprecherin Antje Radcke lehnte ihn ab. Die Union kündigte an, nach einem Regierungswechsel den Ausstieg rückgängig zu machen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland nannte den Konsens eine «Morgengabe für die untergehende Atomindustrie». Er sei ein Bestandsschutzvertrag mit garantierten Privilegien für die Atomkraftwerke. Von einer «Zumutung» sprach der Naturschutzbund NABU. Bei dem vereinbarten Ausstiegsmodell werde in den nächsten Jahrzehnten noch einmal genau so viel Atomstrom produziert wie seit Beginn der Kernkraftnutzung 1966. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood kritisierte: «Die rot-grüne Bundesregierung tischt uns das Märchen vom Ausstieg aus der Atomkraft auf, während sie den Stromkonzernen den kostengünstigen Weiterbetrieb ihrer Anlagen garantiert.»


Atomforum sieht Ziel erreicht

Als «Ergebnis einer Nötigung» bezeichnete dagegen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Vereinbarung. Die Unternehmen benötigten eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. «Bislang sind es die höchst sicheren und mit beispielhafter Zuverlässigkeit betriebenen deutschen Kernkraftwerke, die bis zu 60 Prozent die Stromversorgung rund um die Uhr zu günstigen Preisen gedeckt haben.» Gleichwertige Alternativen seien nicht in Sicht.

Den ungestörten Betrieb der Kernkraftwerke auf Jahre hinaus gesichert sieht der Präsident des Deutschen Atomforums, Otto Majewski. «Unser erklärtes Ziel, die deutschen Kernkraftwerke zu wirtschaftlich akzeptablen Bedingungen weiterhin nutzen zu können, haben wir erreicht.»

Die IG Bergbau, Chemie, Energie begrüßte den Kompromiss, erklärte aber, es müsse der Entscheidung künftiger Generationen vorbehalten bleiben, ob andere, sichere Kernkrafttechnologie zum Einsatz kommen sollen. Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft erklärte, durch den Kompromiss werde den Beschäftigten, der Energiewirtschaft und den Verbrauchern Planungssicherheit geboten.

Bundesvorstand und Bundestagsfraktion der Grünen stellten sich mehrheitlich hinter den Kompromiss. Trotz Kritik an den 32 Jahren Laufzeit wollen sie dem Parteitag in Münster in gut einer Woche die Annahme empfehlen. Radcke lehnte dagegen die Vereinbarung als «nicht akzeptabel» ab. Die Vorsitzende will den Delegierten die Ablehnung nahe legen.

Von einem «schwer zu ertragenen Kompromiss» sprach der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Horst Kubatschka. Fraktionsvize Michael Müller meinte: «Jetzt sind die Türen für eine gute Energiezukunft geöffnet worden, auch wenn der Konsens nicht alles das erfüllt, was die SPD gefordert hat.»

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kritisierte die «schwerwiegende Fehlentscheidung, die von einer CDU-geführten Bundesregierung so schnell wie möglich korrigiert werden muss». Auch der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber kündigte an, die Kernenergie-Ausstiegspolitik werde nach einem Regierungswechsel umgekehrt.


Mi, 14.06.00 Dokumentation des Originaltextes
Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorungsunternehmen

06.00 Titanic
Energiekonsensvertrag

Do, 15.06.00 AP-Agenturmeldung
Umweltschützer empört über Atomkonsens

Do, 15.06.00 AP-Agenturmeldung
Statt Ausstieg ein sanftes Ausgleiten

Do, 15.06.00 dpa-Agenturmeldung
Atomkompromiss: Kein Grund zum Jubeln für Rot-Grün

Do, 15.06.00 dpa-AFX-Agenturmeldung
Nach Atomkonsens mit der Wirtschaft Proteste von allen Seiten

Do, 15.06.00 Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus", Pressemitteilung
Atomkonsens ist Mogelpackung

Do, 15.06.00 Kampagne x1000mal quer, Pressemitteilung
Atomkonsens ist Etikettenschwindel

Do, 15.06.00 Greenpeace, Pressemitteilung
Energiekonsens erhöht Atomrisiko

Do, 15.06.00 Deutsches Atomforum, Pressemitteilung
Deutsches Atomforum sieht Weiterbetrieb der Kernkraftwerke auf Jahre hinaus gesichert

Sa, 17.06.00 AP-Agenturmeldung
Grüne gehen beim Atomausstieg wieder in die Offensive

So, 18.06.00 dpa-Agenturmeldung
DGB fordert europaweiten Atomausstieg

Mo, 19.06.00 Traute Kirsch, BUND NRW
Atomausstiegsgesetz - der nächste Betrug

Mo, 19.06.00 AP-Agenturmeldung
SPD will Umsetzung des Atomausstiegs «sorgsam prüfen»

Do, 22.06.00 Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus"
Stellungnahme zur Vereinbarung zwischen der deutschen Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen

Do, 22.06.00 AP-Agenturmeldung
Betreiber sehen kein Ende der Atomkraft

Do, 22.06.00 Westfälische Rundschau
Stromkonzerne drängen auf neue Castor-Transporte

Fr, 23.06.00 n-tv online
Grünen-Delegierte für Atomkompromiss


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