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Bürgerinitiative
"Kein Atommüll in Ahaus", Stellungnahme, 22. Juni '00Stellungnahme der
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus"
zur Vereinbarung zwischen der deutschen Bundesregierung und den
Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000

Von ihren Unterzeichnern und in den Medien wird diese Vereinbarung gerne
als "Energiekonsens" oder als "Vereinbarung über den Atomausstieg"
bezeichnet. Beide Formulierungen sind unserer Meinung nach nicht gerechtfertigt: Zu einem
gesellschaftlichen Konsens über die Energiepolitik hätte es nur kommen können, wenn
Bürgerinitiativen und Umweltschutzverbände in die Verhandlungen mit einbezogen worden
wären. Tatsächlich hat die Bundesregierung von Anfang an nur mit den
Energieversorgungsunternehmen (EVU) gesprochen. Das Ergebnis ist entsprechend ausgefallen:
Von einem Atomausstieg kann keine Rede sein, die ganze Vereinbarung ist eine gigantische
Mogelpackung. Dazu im Einzelnen:
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Vereinbart ist eine Regellaufzeit von 32
Jahren für alle Atomkraftwerke. Es gibt bis heute weltweit nur wenige Atomkraftwerke, die
diese Lebensdauer erreicht oder gar überschritten haben. Faktisch bedeutet die
Vereinbarung daher eine Bestandsgarantie für die laufenden Atomkraftwerke bis zu ihrem
technischen K.O oder ihrer wirtschaftlichen Unrentabilität.
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Hinzu kommt, dass die Laufzeiten von 32
Jahren nach oben offen sind: Wenn ein EVU eine alte Anlage eher abschaltet, weil diese
unwirtschaftlich geworden ist oder nicht mehr den Sicherheitsanforderungen entspricht,
kann es die diesem zugestandene Restlaufzeit auf ein anderes Kraftwerk übertragen.
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Die Bundesregierung verpflichtet sich in der
Vereinbarung, den heute gültigen Sicherheitsstandard und die ihm zugrunde liegende
Philosophie nicht zu ändern. Sie nimmt sich damit selbst die Möglichkeit, Anlagen
aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse stillzulegen oder mit höheren
Genehmigungsauflagen zu versehen.
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Zwar soll der Neubau von Atomkraftwerken
verboten werden, allerdings ist in den letzten 11 Jahren sowieso kein neues AKW mehr ans
Netz gegangen und niemand beabsichtigt, ein neues zu bauen: AKW sind heute gegenüber
anderen Kraftwerken (v.a. modernen Gasverbund-Kraftwerken) nämlich nicht mehr
konkurrenzfähig. Das Neubauverbot ändert daher faktisch nichts an der gegenwärtigen
Situation.
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Bei einer Laufzeit von 32 Jahren also
einer Restlaufzeit von mindestens 21 Jahren für das als letztes ans Netz gegangene AKW
Neckarwestheim 2 - würde sich die Menge des bis heute angefallenen Atommülls aus
deutschen Atomkraftwerken mehr als verdoppeln. Bereits heute aber weiß niemand, wie
dieser Müll endgültig schadlos zu entsorgen ist, im Gegenteil: Anfang diesen Jahres hat
der Umweltsachverständigenrat der Bundesregierung sein aktuelles Gutachten vorgelegt.
Darin heißt es, dass die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll nicht nur weltweit
nicht gelöst ist, sondern wahrscheinlich sogar unlösbar ist.
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Trotzdem wird in der Vereinbarung nicht die
Konsequenz gezogen, die Atommüll-Produktion (und damit die Erzeugung von Atomstrom)
sofort zu beenden. Es wird nicht einmal der Salzstock Gorleben als mögliches Endlager
ganz aufgegeben, trotz aller Sicherheitsbedenken, die Wissenschaftler in den letzten 20
Jahren dagegen erhoben haben. Statt dessen sieht die Vereinbarung nur ein 3
10jähriges "Moratorium" für die Untersuchung des Salzstocks vor !
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Als "Entsorgungsnachweis" sieht
die Vereinbarung die Zwischenlagerung vor. "Zwischenlagerung" bedeutet aber
faktisch nur ein Abstellen von Atommüll, keine wirkliche Entsorgung. Dabei spielt es
keine Rolle, ob dieses Abstellen direkt an den AKW ("dezentrale
Zwischenlagerung") oder wie bisher an den zentralen Zwischenlagern Gorleben und Ahaus
bzw. bei den Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield/England oder Cap de la Hague/Frankreich
erfolgt. Lediglich unsinnige Transporte würden durch die dezentrale Zwischenlagerung
verhindert.
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Ein kleiner Fortschritt scheint auf den
ersten Blick die vereinbarte Aufgabe der Wiederaufarbeitung zu sein. Allerdings wird sie
fälschlicherweise als Entsorgungsvariante bezeichnet: Abgesehen von den schädlichen
Freisetzungen radioaktiver Emissionen bei der WAA werden auch Menge und
Gefährdungspotential des Atommülls bei der WAA nicht verringert, sondern eher noch
vergrößert. Außerdem soll die Beendigung der Transporte in die WAA erst ab dem 1.7.2005
erfolgen. Die dort bis zu diesem Zeitpunkt angelieferten Mengen dürfen auch später ohne
jegliche zeitliche Begrenzung aufgearbeitet werden!
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Der vereinbarte Bau von dezentralen
Zwischenlagern an den Reaktorstandorten ("so zügig wie möglich") soll
unsinnige Transporte und die Proteste gegen dieselben vermeiden. Damit soll auch die
Bevölkerung in der Umgebung von Ahaus und Gorleben für eine Akzeptanz des
Atomkompromisses gewonnen werden. Allerdings dürfte selbst diese Rechnung nicht aufgehen:
Die süddeutschen Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg) haben bereits
unmissverständlich erklärt, dass sie diesen Teil der Vereinbarung mit allen ihnen zur
Verfügung stehenden Mitteln boykottieren werden. Abgesehen von führenden Politikern der
CDU und CSU, die dies aus parteitaktischen oder lokalbornierten Überlegungen ankündigen
(während sie andererseits klar für den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke plädieren und
gegen jeden Ausstieg sind !), mehrt sich auch der Protest der Bevölkerung in der Umgebung
der jeweiligen AKW: Vielen Menschen wird auf einmal die Problematik des ungelösten
Atommüll-Problems deutlich . Es ist also mehr als fraglich, wann oder ob überhaupt diese
dezentralen Zwischenlager jemals in Betrieb gehen werden.
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Als Fazit bleibt: Die Bundesregierung ist mit dem von ihr angekündigten
Versuch eines Atomausstiegs auf Verhandlungsebene gescheitert. Fortschritte zu einem
Ausstieg, der diesen Namen auch verdient, wird es nur in dem Maße geben, wie die
außerparlamentarische Widerstandsbewegung gegen die Nutzung der Atomenergie Druck von
unten erzeugt und deutlich macht, dass ein gesellschaftlicher Konsens mit dieser
Vereinbarung nicht erreicht wird. Die nächsten Castor-Transporte werden dazu Gelegenheit
bieten.
http://www.bi-ahaus.de

Mi, 14.06.00 Dokumentation des Originaltextes
Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den
Energieversorungsunternehmen
06.00 Titanic
Energiekonsensvertrag
Do, 15.06.00 AP-Agenturmeldung
Umweltschützer empört über Atomkonsens
Do, 15.06.00 AP-Agenturmeldung
Statt Ausstieg ein sanftes Ausgleiten
Do, 15.06.00 dpa-Agenturmeldung
Atomkompromiss: Kein Grund zum Jubeln für Rot-Grün
Do, 15.06.00 dpa-AFX-Agenturmeldung
Nach Atomkonsens mit der Wirtschaft Proteste von
allen Seiten
Do, 15.06.00 Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus", Pressemitteilung
Atomkonsens ist Mogelpackung
Do, 15.06.00 Kampagne x1000mal quer, Pressemitteilung
Atomkonsens ist Etikettenschwindel
Do, 15.06.00 Greenpeace, Pressemitteilung
Energiekonsens erhöht Atomrisiko
Do, 15.06.00 Deutsches Atomforum, Pressemitteilung
Deutsches Atomforum sieht Weiterbetrieb der
Kernkraftwerke auf Jahre hinaus gesichert
Sa, 17.06.00 AP-Agenturmeldung
Grüne gehen beim Atomausstieg wieder in die Offensive
So, 18.06.00 dpa-Agenturmeldung
DGB fordert europaweiten Atomausstieg
Mo, 19.06.00 Traute Kirsch, BUND NRW
Atomausstiegsgesetz - der nächste Betrug
Mo, 19.06.00 AP-Agenturmeldung
SPD will Umsetzung des Atomausstiegs «sorgsam prüfen»
Do, 22.06.00 Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus"
Stellungnahme zur Vereinbarung zwischen der
deutschen Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen
Do, 22.06.00 AP-Agenturmeldung
Betreiber sehen kein Ende der Atomkraft
Do, 22.06.00 Westfälische Rundschau
Stromkonzerne drängen auf neue Castor-Transporte
Fr, 23.06.00 n-tv online
Grünen-Delegierte für Atomkompromiss

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