Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 16. Juni '00
Konsens stößt auf Dissens
Atomvereinbarung wird in Ahaus höchst unterschiedlich aufgenommen
von Stefan Grothues
Ahaus. Hoffnungsschimmer oder Mogelpackung - der Atomkonsens ist in Ahaus
höchst gegensätzlich aufgenommen worden. Große positive Bedeutung für Ahaus misst
Bürgermeister Dr. Dirk Korte dem Atomkonsens bei, der jetzt zwischen Bundesregierung und
den großen Energieversorgungsunternehmen ausgehandelt worden ist. Der Sprecher der
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" bezeichnete den Konsens dagegen als
"absolut inakzeptabel".
Auf der Grundlage einer Regellaufzeit von 32 Jahren einigten sich
Bundesregierung und Stromversorger auf einen Ausstieg aus der Atomenergie. An den
Standorten der Kernkraftwerke sollen in fünf Jahren Zwischenlagermöglichkeiten
geschaffen werden. Bis dahin sollen abgebrannte Brennelemente auch in die Zwischenlager
Ahaus und Gorleben gebracht werden.

"Hoffen auf Befriedung"
Bürgermeister Korte knüpft an diesen Konsens die Hoffnung auf eine
"gesellschaftliche Befreidung". Korte: "Beide Seiten haben über ein Jahr
lang verhandelt und hart um einen Kompromiss gerungen. Das Ergebnis sollten wir jetzt
respektieren und akzeptieren." Der Ahauser Bürgermeister hofft, dass künftige
Castotransporte weniger umstritten sein werden und die Stadt Ahaus politisch nicht mehr so
sehr belasten. "Es konnte realistischerweise nicht davon ausgegangen werden, dass
überhaupt keine Castortransporte nach Ahaus mehr stattfinden. Jetzt gibt es aber die
Ausseicht, dass das ganze ein Ende haben wird." Dafür, dass sich die CDU in Berlin
und die Standortgemeinden in Süddeutschland gegen die Schaffung dezentraler Zwischenlager
an den Atomkraftwerken wenden, zeigt Korte wenig Verständnis: "Die Kommunen mit
Kernkraftwerken haben Jahrzehnte lang gut davon gelebt und viel Geld bekommen. Jetzt
sollten sie auch bereit sein, die politischen Lasten zu tragen." Als positiv hob
Korte darüber hinaus hervor, dass die Endlagererkundungen in Gorleben nicht abgebrochen
werden sollen. Das spreche gegen die Befürchtung, Ahaus könne zum Endlager werden.

Proteste für Nachbesserung
BI-Sprecher Hartmut Liebermann dagegen nannte die Folgen des Konsenses
für Ahaus "verheerend" und eine "gigantische Mogelpackung". Es gibe
keinen "gesellschaftlichen Konsens", da Umweltverbände und Bürgerinitiativen
an den Gesprächen nicht beteiligt worden seien. Außerdem sei der Aussteig kein Ausstieg,
sondern eine Bestandsgarantie dafür, dass die Atomkraftwerke so weiterlaufen könnten wie
bisher. Liebermann: "Die Menge des Atommülles wird sich nach dieser Vereinbarung
noch verdoppeln." Und weil die süddeutschen Länder gegen die Errichtung von
regionalen Zwischenlagern an den Kraftwerksstandorten Sturm liefen, werde es wohl über
fünf Jahre hinaus noch Castortransporte nach Ahaus geben. Er erwarte weiterhin massive
Proteste gegen Castortransporte. Sie seien die einzige Chance, Nachbesserungen zu
erreichen.

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