Potsdamer Neuste Nachrichten, 16. Mai 2001
Abschied von der Kernkraft ist nicht endgültig
Die Atomindustrie will das Ausstiegsgesetz rückgängig machen - aber
nicht unter der rot-grünen Regierung
asi - Die deutsche Atomindustrie will sich von der Stromerzeugung in
Kernkraftwerken nicht verabschieden. Zwar wollen die Energiekonzerne die von der Regierung
vergangene Woche vorgelegte Novelle des Atomgesetzes, die einen Ausstieg aus der
Kernenergie in Deutschland vorsieht, noch im Juni unterschreiben. Doch "der
Atomausstieg ist umkehrbar", sagte Gert Maichel, Vorstand des RWE-Konzerns, am
Dienstag auf der Jahrestagung der Atombranche. Wenn in Deutschland "wieder Vernunft
statt Ideologie regiert", werde man sich dafür einsetzen, dass "Gesetze wieder
geändert werden".
Beinahe ein Jahr nach der Unterzeichnung des Atomkonsenses der rot-grünen
Bundesregierung mit den Kernkraftwerksbetreibern haben sich die Energiekonzerne dazu
bereit erklärt, eine Novelle des Atomgesetzes zu paraphieren, die noch in diesem Jahr das
Parlament durchlaufen soll. Zwar gebe es noch im Detail Nachbesserungsbedarf, sagte
Maichel, der auch Präsident des Deutschen Atomforums ist, vor rund 1000 Teilnehmern der
jährlichen Kernenergietagung. Mit einer Verzögerung sei allerdings nicht mehr zu
rechnen. "Der Referentenentwurf spiegelt weitgehend den Geist der Vereinbarung wider.
Die Gesetzesnovelle wird daher im Juni von uns gegengezeichnet".

Branche hofft auf Regierungswechsel
Im Kern garantiert die Bundesregierung den Kernkraftwerksbetreibern darin
den "ungestörten Betrieb" der bestehenden Atomkraftwerke unter der
Voraussetzung eines konkret beschriebenen Ausstiegsszenarios. In etwa zwanzig Jahren wird
voraussichtlich das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet. Insgesamt dürfen die
Reaktoren bis dahin noch 2600 Terawattstunden Strom produzieren, so soll es im Gesetz
festgeschrieben werden. Im Gegenzug sichert das Gesetz den Unternehmen die Genehmigungen
für den Bau von Zwischenlagern für Brennstäbe im Umkreis der Atomkraftwerke und bis
2005 den ungehinderten Transport von Brennstäben in die Wiederaufbereitungsanlagen in
Frankreich und England. Rund 80 bis 100 solcher Castorentransporte werde es bis dahin in
jedem Jahr geben, sagte Maichel.
Was auf den ersten Blick wie das Ende der Atomstromproduktion in
Deutschland aussieht, ist für die Branche allerdings nur eine Zwischenlösung. Auch jetzt
noch sei die Energiebranche der Auffassung, dass der nationale Ausstieg aus der Atomkraft
ein "schwerer Fehler ist", sagte Maichel. "Die Kernenergie sichert 33
Prozent der deutschen Stromerzeugung und ist wichtiger denn je." Wenn sich die
politischen Konstellationen in Deutschland geändert hätten, werde auch das Atomgesetz
neu geschrieben, sagte der RWE-Vorstand. Die internationale Entwicklung bestätige
langfristig "neue Impulse für die Kernenergie". Maichel bezog sich vor allem
auf die neuerliche Hinwendung der US- und der russischen Regierungen zur Atomenergie.
"Die in Deutschland politisch gewollte Beendigung der Stromerzeugung aus Kernenergie
ist eine nationale Sonderlösung".
Deutschland werde sich weder aus wirtschaftlichen noch aus
Klimaschutz-Gründen dieser Entwicklung entziehen können. Es sei eine Fehler, wenn
Politiker der Bevölkerung suggerierten, dass die Grundversorgung mit Strom langfristig
durch fossile Brennstoffe oder erneuerbare Energieen gesichert werden könne. Wo dies
hinführe, sagte Maichel, mache die Entwicklung im US-Bundesstaat Kalifornien deutlich.
Dort war in jüngster Zeit mehrfach zu wenig Strom produziert worden.


"Die Wünsche der Atomindustrie sind unantastbar."
Mit weiteren Verzögerungen bei der Novellierung des bestehenden
Atomgesetzes rechnet auch die energiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von
Bündnis 90/Die Grünen, Michaele Hustedt, nicht. Dem Tagesspiegel sagte Hustedt am
Dienstag, dass es keine Störungen der grünen Bundestagsfraktion im
Gesetzgebungsverfahren geben werde. Nachdem die Bundesregierung und die Vorstände der
großen Energiekonzerne den so genannten Atomkonsens im vergangenen Juli unterzeichnet
hatten, gab es immer wieder Begehrlichkeiten der Grünen, das Gesetz noch straffer zu
fassen, als es Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) vermocht hatte - zuletzt am
vergangenen Montag von den nordrhein-westfälischen Grünen. "Es gibt nun nur noch
wenig Spielraum für die Fraktionen", sagte Hustedt. Mit Blick auf Anhörungen und
Debatten der Gesetzesnovelle im Bundestag warnte auch Maichel vor Änderungen, die
"nicht dem Geist des Atomkonsenses vom Juli 2000 entsprechen". Sollte es zu
solchen die Atombranche benachteiligenden Veränderungen kommen, werde die Industrie
"alle zur Verfügung stehenden Mittel" einsetzen.

Mi, 05.09.01 Frankfurter Rundschau
Bundesregierung verabschiedet Atomnovelle
Mo, 06.08.01 Reuters-Agenturmeldung
Umweltverbände und Industrie lehnen Atomnovelle ab
Mi, 02.08.01 Pressemitteilung Aktionsbündnis Castor-Widerstand
Vielfältiger Widerstand begleitet den Atommülltransport in Frankreich
Mi, 02.08.01 Süddeutsche Zeitung
Atommüll Castor-Zug erreicht erstes Ziel
Di, 05.06.01 Verlagsprojekt Tolstefanz
Fragen und Antworten zum AtomNonsens
Mi, 16.05.01 Potsdamer Neuste Nachrichten
Abschied von der Kernkraft ist nicht endgültig
Mo, 14.05.01 Kommentar, Hartwig Berger, MdA Berlin, Bündnis '90/Die
Grünen
Wie "demokratisch" ist der
Atomkonsens?
Mo, 14.05.01 Reuters-Agenturmeldung und andere
Atommülltransport von mehreren Blockaden
unterbrochen
Do, 26.04.01 Die Tageszeitung
"Jedes zweite Atomkraftwerk macht
Verlust"
Do, 26.04.01 Frankfurter Rundschau
Der GAU lässt grüßen
Mi, 25.04.01 Badische Zeitung
Sellafield setzt auf die Deutschen
Mi, 25.04.01 Berliner Zeitung
Transporte widersprechen dem Atomkonsens
Mi, 11.04.01 Frankfurter Rundschau
Kommentar: Kreislaufmüll
So, 08.04.01 Aktionsbündnis Castor-Widerstand
Aufruf: Nach dem Castor ist vor dem Castor
Mo, 02.04.01 Frankfurter Allgemeine Zeitung
Operativer Erfolg, strategische Niederlage
Fr, 30.03.01 Der Spiegel online
Antritt gegen das Stromkartell
Do, 29.03.01 Le Monde
Un guepier pour les relations franco-allemandes
- Ein Wespennest für die dt.-frz. Beziehungen
Do, 29.03.01 redaktion@uwg-ahaus.de
Rückblick Tag X im Wendland '01

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