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Tag X1, 30. Mai 05 Nach einer mehrstündigen erfolgreichen Blockade der Kreuzung Schumacherring/Schöppinger Straße erreichte der erste von drei Castor-Transporten aus Dresden-Rossendorf am frühen Dienstag, 31. Mai, um 04 Uhr das Ahauser Atommüll-Lager über eine zuvor nicht genehmigte Ausweichroute durch Heek. Über 600 Menschen demonstrierten in Ahaus, insgesamt 1000 AtomkraftgegnerInnen waren entlang der Transportroute auf den Straßen. In Legden, Thüringen und Dresden gab es erfolgreiche Sitzblockaden.
Wir danken allen Menschen, die mit uns demonstriert und blockiert haben, ob in Ahaus, Dresden oder an der Transportstrecke, allen Ahauser BürgerInnen, die mit Spenden, Essen und guter Laune geholfen haben, den Landwirten für das Stroh, Klaus dem Geiger für die Musik... Hier folgen einige Pressestimmen und Bilder.
Mehr Atommüll in SachsenDresden. Trotz der drei Atommülltransporte von Rossendorf ins westfälische Ahaus lagern mehrere Tonnen spaltbaren Materials noch immer auf dem Gelände des stillgelegten sächsischen Versuchsreaktors, ohne festes Entsorgungskonzept. Im sächsischen Rossendorf wird noch über Jahre hinweg hochradioaktiver Müll lagern. Das teils atombombenfähige Material stammt aus der Zeit des inzwischen stillgelegten DDR-Forschungsreaktors auf dem Gelände. Allein die 951 Brennstäbe, die jetzt nach Ahaus gebracht werden, enthalten 390 Kilogramm Uran, erklärt Uwe Helbig, zuständiger Institutsleiter am Forschungszentrum Rossendorf, dieser Zeitung. Er bestätigte, dass nach den Transporten weiter etwa 400 Kilogramm hoch angereichertes Uran, eine Tonne Uran für Leistungsreaktoren zur Stromerzeugung, drei Tonnen Natururan und zwei Tonnen abgereichertes Uran lagern. In Deutschland gebe es für dieses Material keine Entsorgungsmöglichkeiten. Der übliche Weg, das Uran an die Lieferanten zurückzugeben, scheidet auch aus, da es aus der Sowjetunion stammt. Um eine Entsorgung zu ermöglichen, würden unter anderem Gespräche mit Großbritannien und Frankreich geführt mit dem Ziel, die Wiederaufbereitungsanlagen in Sellafield oder La Hague zu nutzen. Ob das weitere Atom-Transporte durch Thüringen bedeutet, ist derzeit unklar.
Wir wollen das Gelände komplett "denuklearisieren", begründet Gerd Uhlmann vom sächsischen Wissenschaftsministerium die Atomtransporte, von denen der zweite am kommenden Montag nach Ahaus starten soll. "Rossendorf sei kein Zwischenlager, daher müsse entsorgt werden", so Uhlmann. Was mit dem übrigen Atommüll in Rossendorf werde, sei noch unklar, räumt er ein. Für das noch vorhandene Uran gebe es in westlichen Reaktoren keine Verwendung. Daher werde auch geprüft, es Tschechien oder Ungarn für ihre Versuchsreaktoren anzubieten. Greenpeace hatte die Transporte als sinnlos kritisiert, weil die strahlende Fracht unter hohem Risiko von einer Zwischenlösung zu einer anderen gebracht werde. Sachsen hätte auch für Rossendorf die Zulassung als Zwischenlager beantragen können", so Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer zu TA. Die Lagerbedingungen seien ähnlich denen in Ahaus. So aber muss Thüringen die Kosten für die drei Polizeieinsätze entlang der A 4 zahlen. Doch auch Thüringen trägt dazu bei, dass in Rossendorf weiter strahlendes Material lagern wird. Das Land entsorgt die radioaktiven Rückstände aus der Medizin auf dem Forschungsgelände bei Dresden.
Das letzte Aufgebot?Zum Anti-Atom-Widerstandvon Reimar PaulSpott und Häme und manchmal auch Mitleid gossen Kommentatoren nach dem jüngsten Castortransport über der Anti-Atom-Bewegung aus. Lange vor dem Start seien Termin und Route der Atommüllfuhre von Sachsen nach Westfalen bekannt gewesen, und doch hätten sich nur wenige hundert Unentwegte den Lastwagen in den Weg gestellt - das letzte Aufgebot sozusagen. Die beiden einzigen Sitzblockaden in Rossendorf und Ahaus habe der schwerfällige Konvoi einfach umfahren - welche Demütigung! Dabei, so die Schlaumeier in den Redaktionsstuben, hätten alle Zeichen doch auf Protest gestanden: Merkels Ankündigung, bei einem Wahlsieg die Laufzeiten der AKW zu verlängern. Und der schwere Unfall im britischen Sellafield, bei dem 80 Tonnen eines hochgiftigen Uran-Plutonium-Salpetersäure-Gebräus durch ein leckes Rohr liefen.
Am Widerstand gegen die Atommüllfuhre beteiligten sich am Montag und Dienstag nach Angaben der Bürgerinitiativen rund tausend Menschen. Das mögen weniger sein als erwartet, die Anti-Atom-Gruppen selbst hatten schließlich Aktionen entlang der ganzen Strecke angekündigt. Andererseits: Der Castortransport rollte an einem Wochentag bzw. größtenteils in der Nacht. Es gab kaum ein Herankommen, eine riesige Armada von Polizeifahrzeugen schirmte die Atommülltonnen gegen Proteste ab. Wie groß wäre das Geschrei gewesen, wenn Demonstranten tatsächlich auf die Autobahn gestürmt wären? Zudem ist das Risiko, bei Blockaden durch die Polizei verletzt, festgenommen oder sogar zu den Kosten des Einsatzes herangezogen zu werden, immens. Schließlich sind die Castortransporte noch gar nicht vorbei, zwei weitere Fuhren - und weitere Protestaktionen - folgen in den nächsten Tagen.
Wie andere Bewegungen auch, funktioniert die Anti-Atom-Bewegung nicht auf Knopfdruck. Sie besteht eben nicht aus Berufsdemonstranten, wie dies früher gern von den Medien behauptet wurde, die jetzt Abgesänge formulieren. Richtig: Während und wegen der rot-grünen Regentschaft hat die Bewegung gegen Atomkraft geschwächelt. Viele, die früher zu den Bauplätzen zogen, wähnten den Ausstieg bei Trittin und Co. in guten Händen.
»Konjunkturschwankungen« waren Protestbewegungen schon immer ausgesetzt. Ein Regierungswechsel und ein verschärfter Pro-Atom-Kurs sind nun absehbar. Wird dies erst realisiert, wird sich die Anti-Atom-Bewegung wieder verbreitern und politisch intervenieren können. Atomenergie ist kein Zeitgeist-Thema. AKW sind und bleiben gefährlich, der Atommüll ist eine Hypothek für Jahrtausende.
Castor umfährt Protestvon Stefan GrothuesAhaus - Und plötzlich ging alles ganz schnell: Gegen 4 Uhr - der Morgenhimmel über dem Zwischenlager begann zu grauen, die ersten Vögel zaghaft zu zwitschern - als sich das große Tor zum Brennelemente-Zwischenlager öffnete. Um fünf nach vier wurde das Tor wieder geschlossen, und alles war vorbei.
Nach 16-stündiger Fahrt und jahrelangem politischen und juristischen Streit rollten auf sechs Sattelschleppern die ersten sechs von insgesamt 18 Castorbehältern aus Rossendorf ins Ahauser Zwischenlager. Am Ende stellte sich ein einzelner Demonstrant dem Konvoi entgegen. Sekunden später hatten ihn jedoch Polizeibeamte abgedrängt. Am Tor des Zwischenlagers verfolgten nur eine Handvoll Demonstranten und etwa zwei Dutzend Journalisten das Geschehen.
Sitzblockade
Der Hauptprotest indes spielte sich zeitgleich zwei Kilometer entfernt am Stadtrand von Ahaus ab: Auf der Krezung Schumacherring/ Schöppinger Straße hatten sich rund 150 Atomkraftgegner zu einer Sitzblockade niedergelassen, weil sie davon ausgingen, dass der Transport dort vorbeifahren werde. Während die Demonstranten dort ab 3 Uhr eingekesselt wurden, änderte die Polizei kurzerhand die Route, fuhr ab Autobahnabfahrt Heek durch die Dinkelgemeinde und erreichte dann das Zwischenlager aus Richtung Schöppingen.
Matthias Eickhoff, Sprecher der münsterländischen Bürgerinitiativen, nannte das Vorgehen der Polizei "skandalös" und eine Belastung für Heek. Seiner Ansicht nach wäre es für die Einsatzkräfte kein Problem gewesen, die Kreuzung von den Demonstranten zu räumen. Zugleich zogen Sprecher der Polizei vor dem nächtlichen Zwischenlager eine zufriedene Einsatzbilanz: "Es gab keine nennenswerten Zwischenfälle", erklärte Karsten Woltering. Und seine Kollegin Inge Such, die den Transport begleitet hatte: "Es gab unterwegs keine ernsthaften Störungen. Vereinzelt waren Personen zu sehen, bei denen es sich wohl um Demonstranten handelte."
Transport am Montag?
Unterdessen äußerten sich gestern auch die Anti-Atomkraft-Initiativen mit den Protesten gegen den ersten der drei Castor-Transporte zufrieden. Bundesweit hätten rund 1000 Atomkraftgegner an den Protesten teilgenommen. Nach ihren Schätzungen waren bis zu 10000 Polizisten bundesweit im Einsatz. In Legden sei es einer Gruppe von Demonstranten gelungen, auf der Autobahn den Castor-Konvoi kurzfristig zu blockieren. Weitere Aktionen seien geplant. Der zweite Atomtransport aus Dresden wird für den kommenden Montag erwartet. Eine offizielle Bestätigung gibt es nicht. - gro
Castor-Konvoi rollte auch durch Heeker OrtskernHeek-Nienborg. -rs- Von der Bevölkerung weitgehend unbemerkt ist er in der Nacht zu Dienstag auch durch Heek gerollt, der erste von insgesamt drei Castortransporten mit Atommüll aus dem ehemaligen DDR-Forschungsreaktor Rossendorf. Wie Paul Bußhoff, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde, gestern auf Anfrage mitteilte, nahm der aus sechs Lkw samt Begleitfahrzeugen bestehende Konvoi von der Autobahnausfahrt Heek nicht die kürzeste Route via B70 Richtung Ahle, sondern in entgegengesetzter Richtung durch den Ort.
Die Entscheidung, den Weg über Heek zu nehmen, sei vom Polizeiführer ganz kurzfristig gefällt worden und bewege sich im Rahmen der Genehmigung, erklärte Bußhoff. Damit widersprach er ausdrücklich Äußerungen der Anti-Atomkraft-Initiativen, die von Willkür und einer nicht zu vertretenden Gefährdung der Heeker Bevölkerung gesprochen hatten. Über die Landstraße 574 ging der Transport dann zunächst weiter Richtung Legden, bevor er dann an der Kreuzung mit der Landstraße 570 nach rechts abbog und schließlich gegen 4 Uhr das Brennelemente-Zwischenlager (BZA) in Ammeln erreichte.
Als Grund für die geänderte Route gab Bußhoff die Blockade einer Kreuzung durch Atomkraftgegner auf der Strecke über Ahle an. Da sie erst noch geräumt werden musste, hat sich der Polizeiführer zur Routenänderung entschlossen, so Bußhoff. Eine Entscheidung, die sich aus Sicht der Polizei im Nachhinein als richtig erwiesen hat, denn auf der Strecke durch Heek und Averbeck habe es keine Zwischenfälle gegeben, erklärte der Pressesprecher.
Wir haben von dem Transport überhaupt nichts mitbekommen. Für Karl Münstermann, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei an der Heeker Bahnhofstraße, war die Nacht zu Dienstag eine Nacht wie jede andere. Schon früh am Morgen sind der Bäckermeister und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, Brötchen für die Lkw-Fahrer auf der B70 und die Heeker zu backen. Ungewöhnliches hätten sie am frühen Dienstag aber nicht bemerkt, sieht man einmal von ein paar Polizeiautos, die ein Mitarbeiter in Richtung Schöppingen hat stehen sehen, ab. Vor sieben Jahren seien das ganz andere Dimensionen gewesen, erinnert er sich.
Das war eine kurzfristige polizeitaktische Entscheidung, die sich im Rahmen der Genehmigung bewegt, konnte Bürgermeister Dr. Kai Zwicker gestern das Verhalten der Polizei durchaus nachvollziehen, wenngleich er es natürlich viel lieber gesehen hätte, wenn der Transport nicht durch Heek gerollt wäre. Die Gemeinde sei im Vorfeld in einem gemeinsamen Infotermin mit Schöppingen, Heek, Legden und Ahaus vom Polizeipräsidenten in Münster über einen Zeitkorridor für den Transport sowie mögliche Routen entlang der Autobahnstrecke aufgeklärt worden. Dass der Transport durch Heek führen könnte, wurde dabei nicht explizit gesagt, so Zwicker, der sich gestern froh darüber zeigte, dass alles gut gegangen ist. Lob zollte er der Polizei, die für einen reibungslosen Verlauf gesorgt habe. Ein Kompliment gab es auch für die Demonstranten, deren Protest friedlich geblieben sei.
Polizei-Taktik geht aufHeek - Die Ausweichstrecke bot sich an und wurde auch genutzt: Während in der Nacht zum Dienstag der Großteil der Aktivisten - die Castoren aus Richtung Legden erwartend - noch in einer Sitzblockade auf der Kreuzung Schumacherring/Schöppinger Straße ausharrte, nahm der Transport aus Rossendorf seinen Weg mitten durch Heek.
Die Castoren fuhren von der Autobahnabfahrt bei Heek direkt über die B70-Ortsdurchfahrt und die Legdener Straße (L574), um über die Schöppinger Straße (L570) von der anderen Seite auf das Zwischenlager zu stoßen. Das war ein Novum in der Geschichte der Castor-Transporte ins Ahauser Zwischenlager, denn erstmals wurde die Ortslage einer Nachbargemeinde davon direkt betroffen. Heeks Bürgermeister Dr. Kai Zwicker äußerte auf Anfrage gestern dazu, die Gemeinde sei im Vorfeld zwar über die Sachlage der Genehmigungen und mögliche Transportrouten auf der Autobahn in Kenntnis gesetzt worden. Dass die Castoren allerdings den Weg durch die Ortsmitte von Heek nehmen würden - "damit hat keiner gerechnet". Umso erleichterter sei er, dass alles reibungslos und ohne Störungen abgelaufen sei, so Dr. Zwicker. Zur Annahme, dass weitere der noch ausstehenden Transporte durch das Dinkeldorf rollen könnten, ergänzte er: "Sollte es hier zu größeren Protesten kommen, gehe ich davon aus, dass die Heeker Ortslage nicht genutzt wird." Das aber habe jeweils die Polizeiführung vor Ort zu entscheiden.
Das bestätigte gestern auch Paul Busshoff, Pressesprecher der Polizeibehörde. Nach seinen Informationen sei die Entscheidung, die abweichende Route über Heek zu nehmen, äußerst kurzfristig in der Nacht des Einsatzes gefallen, da der andere Weg von der Ausfahrt Legden aus durch die Demonstranten noch blockiert gewesen sei. Auch für die künftigen Transporte sei eine solche Entwicklung nicht auszuschließen, entscheidend sei die Einschätzung des Polizeipräsidiums während des laufenden Einsatzes. Die Anti-Atom-Initiativen aus dem Münsterland dagegen sehen das anders: Sie sprechen von einem "offensichtlich lange geplanten Täuschungsmanöver der Polizei", den Transport "mitten durch die sehr enge Ortsdurchfahrt von Heek" zu führen, ohne dass die Heeker Bevölkerung vorher informiert worden sei. "Auf den Polizeikarten waren die genehmigten Routen durch Ahaus gar nicht erst eingezeichnet. Es handelte sich also nicht um eine spontane Aktion der Polizeiführung", heißt es in einer gestrigen Pressemitteilung. - mel
Die Einsamkeit der Ex-MinisterinNordrhein-Westfalens grüne Noch-Umweltministerin Bärbel Höhn demonstriert gegen die Castoren - und bleibt doch in der Rolle der Politikerin isoliertvon Andreas WyputtaAhaus/Heek. Verloren steht Bärbel Höhn vor dem Ahauser Bahnhof auf der Straße. Pünktlich um sechs Uhr ist Nordrhein-Westfalens noch amtierende grüne Umweltministerin am Montagabend zur Demonstration gegen die bereits aus dem sächsischen Forschungsreaktor Rossendorf anrollenden Castor-Transporte erschienen - und bleibt doch allein. Unauffällig rücken die Menschen von der grünen Ikone ab. "Ich hab' Höhn diesmal nicht gewählt, und ich werde sie nie wieder wählen", sagt eine Demonstrantin. Hier im Münsterland, wo wieder kiloweise kernwaffenfähiges Uran 235 und hochgiftiges Plutonium ins Zwischenlager Ahaus rollen, wo die Urananreicherungsanlage im benachbarten Gronau massiv ausgebaut wird, sitzt die Wut auf die Grünen tief. Ein paar Meter weiter bekommt Höhn den Frust ab. "Ihnen geht es doch nur darum, ins Fernsehen zu kommen", wirft Mechthild Jescher der Umweltministerin vor. "Jetzt, wo Sie die Wahl verloren haben, sind Sie wieder hier", sagt der Techniker Thomas Lamers.
Höhn bleibt zunächst ruhig, lobt den rot-grünen Atomkonsens: Nur der habe dafür gesorgt, dass sieben Jahre keine Castoren nach Ahaus gerollt sind - schließlich seien an den noch immer laufenden Atommeilern dezentrale Zwischenlager errichtet worden. "Mehr war nicht durchsetzbar", assistiert Rüdiger Sagel, atompolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion, seiner Ministerin. Wer die Grünen kritisiere, spalte nur die Anti-Atom-Bewegung. "Warum sind denn nur 500 Leute hier und nicht 10.000 wie vor sieben Jahren", fragt Höhn. "Eine Unverschämtheit", keilt die 48-jährige Lehrerin Jescher zurück. Höhn verliert endgültig die Fassung, spricht von einer "Mentalität wie bei der chinesischen KP", die "auf Umerziehungslager" setze - und läuft auf der Ahauser Bahnhofstraße der Anti-Atom-Demo hinterher. Zwei Stunden später, die Ministerin ist in ihrem schwarzen Dienst-Audi abgerauscht, die Emotionen schlagen weniger hoch. "Dass Höhn hier war, da zieh' ich meinen Hut vor", meint der Ahauser Herbert Wenning. Die rund 650 Demonstranten sind quer durch Ahaus gezogen, blockieren die am Stadtrand liegende Kreuzung Schumacherring/Schöppinger Straße. "Wir bleiben hier", meint Matthias Eickhoff von der Gruppe Widerstand gegen Atomanlagen aus Münster. Wie Felix Ruwe von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" ist er sicher, dass die sechs LKW mit den Castoren hier durchkommen müssen: Die einzig mögliche dritte Route führt mitten durch das Zentrum des Nachbarorts Heek - viel zu auffällig für die Betreiber des Zwischenlagers Ahaus, die ihre strahlende und giftige Fracht am liebsten mitten in der Nacht in Empfang nehmen.
Die tote Zeit des Wartens beginnt. Frühestens in sieben Stunden dürfte der Transport in Ahaus sein, schätzen die Atomkraftgegner. Die Ahauser mit ihren schnieken Häusern, ihren akkurat gepflegten Vorgärten erweisen sich als Demo-Vollprofis. Nur Minuten später liegen Folien und Strohballen auf der Straße. Niemand muss auf dem nassen Asphalt blockieren. Aus den Lautsprechern dröhnen die Pogues, später spielt Klaus, der Geiger, am offenen Feuer Widerstandslieder. Im Küchenzelt mit Stromanschluss gibt es die ganze Nacht heißen Tee und Kaffee, nach Mitternacht wird Suppe und Lachs serviert. Warum nicht mehr Menschen aus dem Münsterland gegen den Atommüll protestieren? Der Atomkraftgegner Florian Kollmann erzählt von der Realschule, "wo wir am Vormittag fast mit Gewalt vom Hof geworfen wurden" - hier habe der Betreiber des Zwischenlagers den neuen Informatikraum bezahlt. "Wie damals die Schwimmhalle", sagt Willi Heesters von der Wettringer Bürgerinitiative gegen Atomenergie. Michael Ziegler, Sprecher des Zwischenlagers und nebenbei im Kirchenvorstand der katholischen Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt, habe sogar den atomkritischen Pfarrer Jürgen Quante beim Bischof angeschwärzt - weil er Laien predigen ließ, erzählt ein Mann in den Sechzigern. "Aber dann gab es einen Solidaritätsgottesdienst, da sind über 1.000 Leute gekommen." Die Zeit schleicht. Gegen Kälte, Regen und Müdigkeit helfen auch Tee und Kaffee kaum noch. Die Initiativen-Sprecher Ruwe und Eickhoff versorgen die Demonstranten mit immer neuen Wasserstandsmeldungen: Der Castor-LKW auf der Autobahn 44 vor Soest, am Kamener Kreuz, vor Bottrop auf der A2, kurz vor Ahaus. Die Polizei, seit Beginn mit mehreren Hundertschaften aus Köln, Bonn, Essen, Duisburg und dem Kreis Borken präsent, rückt noch näher. Um 2.59 Uhr fordert ein Polizeilautsprecher die Räumung der Straße. Um 3.05 Uhr werden die Atomkraftgegner eingekesselt. "Hier kommt keiner mehr rein, keiner mehr raus", tönt ein unter zu viel Adrenalin stehender Polizist und rempelt herum. "Sie sind räumlich beschränkt worden", tönt der Lautsprecher - und klingt wie ein überfreundlicher Anrufbeantworter. Danach werden die Blockierer aus dem Kessel getragen und "erkennungsdienstlich behandelt". Auch der grüne Landtagsabgeordnete Sagel sitzt noch im Kessel, lässt sich herausführen. Initiativen-Sprecher Eickhoff aber wird nervös: Die Räumung dauert auffällig lange - dabei ist der Castor-Transport nur noch wenige Kilometer entfernt. Mit wenigen nicht im Kessel eingeschlossenen hastet Eickhoff zum drei Kilometer entfernten Zwischenlager, wo nur etwa 30 Demonstranten die Castoren erwarten.
Die Straße ist taghell erleuchtet, aus wenigen hundert Metern ist der Atommüll-Konvoi zu sehen: Sechs Atommüllbehälter rauschen durchs Tor, begleitet von Wasserwerfern und dutzenden Polizeiwagen. Ohne Vorwarnung, ohne Information der schlafenden Bevölkerung sind kiloweise kernwaffenfähiges Uran 235 und Plutonium mitten durch den Ortskern von Heek gerollt. "Das war eine spontane Entscheidung der Führung", sagt Polizeisprecher Karsten Woltering. Ob die Ortsdurchfahrt legal war, weiß er nicht. Seine Kollegen räumen die letzten Blockierer ab, ziehen Demonstranten an den Haaren brutal in ihre VW-Busse. "Wir brauchen einfach mehr Leute auf der Straße", sagt Atomkraftgegner Heesters. "Wir sind friedlich, was seid ihr", skandieren die Demonstranten.
Castoren-Route durch Wohnviertel täuscht Demonstrantenvon Ulla JasperNach 16 Stunden Fahrt rollt der Atommüll schließlich fast unbemerkt in das Zwischenlager in Ahaus. Der Grund: Die Polizei hatte eine Alternativroute gewählt, die mitten durch die Kleinstadt Heek führt. Atomkraftgegner kritisieren, dass es keine Genehmigung für die Ortsdurchfahrt gab. Bürgermeister: "Die Brennstäbe müssen ja irgendwo hin" Bochum. Als gestern morgen um vier Uhr der Konvoi mit sechs Castoren auf das Gelände des Zwischenlagers in Ahaus einbog, war die Überraschung bei den meisten Demonstranten groß. Die Lastwagen rollten fast unbemerkt in das Lager. Der Konvoi hatte keine der beiden offiziell genehmigten Routen benutzt, sondern war über eine Ausweichstrecke mitten durch die kleine Gemeinde Heek gerollt. Ob das rechtmäßig war, konnte der Einsatzleiter der Polizei nicht beantworten. "In der Beförderungsgenehmigung sind zwei Routen detailliert geschrieben. Von einer Ortsdurchfahrt durch Heek steht da nichts", erklärt Matthias Eickhoff von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". In einer Nebenbestimmung zur Genehmigung heißt es, dass die Route sowie die Abfahrtszeit des Konvois kurzfristig geändert werden könnte, wenn zum Beispiel die Strecke nicht befahrbar ist. Darauf hatte sich auch die Polizei berufen: Wegen der Blockade der Zufahrt zum Zwischenlager seien die geplanten Routen nicht befahrbar gewesen, so ein Polizeisprecher. "Die alternative Route war genehmigt." Voraussetzung für eine Umleitung der Castoren sind allerdings Koordinierungsgespräche zwischen den beteiligten Innenministerien und dem Transportunternehmen Nuclear Cargo und Service GmbH (NCS). Die Atomgegner bezweifeln jedoch, dass es diese Gespräche in der Nacht wirklich gegeben hat. "Wir haben Karten der Polizei gesehen, auf denen waren die beiden offiziellen Routen nicht einmal eingezeichnet, sondern nur Ausweichstrecken, von denen in der Genehmigung nicht die Rede ist", so Eickhoff. Er ist überzeugt, dass es sich nicht um eine spontane Entscheidung gehandelt hat, sondern ein lange geplantes Täuschungsmanöver der Polizei war. Die Blockade sei jedenfalls kein Grund für eine Umleitung gewesen. "Die hätte man doch wegräumen können", so Eickhoff. Auch der Münsteraner Grünen-Politiker und Verwaltungsrechtler Wilhelm Achelpöhler glaubt deshalb nicht, dass die Innenminister die Entscheidung kurzfristig getroffen haben: "Ich habe so meine Zweifel, dass die Innenminister nachts über die Umleitung beraten haben." Die Bürgerinitiative diskutiert nun, ob sie gegen das Transportunternehmen und die Landesregierung Strafanzeige stellen wird wegen der "unerlaubten Beförderung von Kernbrennstoffen". Der CDU-Bürgermeister von Heek versteht die Aufregung der Atomkraftgegner nicht. Dass die Route des Konvois nun mitten durch sein Stadtgebiet geführt hat, habe ihn zwar auch überrascht, sagt Kai Zwicker. "Ich würde mir wünschen, dass in Zukunft keine weiteren Transporte durch Heek fahren, aber die Brennstäbe sind ja nun mal da und müssen irgendwo hin." Und ob die Castoren nun durch Heek oder eine andere Kommune gefahren würden, sei ja auch egal, man teile nun mal das gleiche Schicksal. Wichtig sei letztlich nur, dass alles reibungslos geklappt habe, findet Zwicker. "Der Bürgermeister muss sich nicht wundern wenn demnächst noch mehr Castoren durch seine Stadt rollen", erklärt Atomkraftgegner Eickhoff. Die Gefahren solcher Transporte mitten durch die schmalen, kurvigen Straßen der Innenstadt würden einfach weiter ignoriert: "Dabei plant man in Heek seit Jahren, eine Umgehungsstraße zu bauen, weil die Ortsdurchfahrt so eng und kurvig ist."
Ritual statt Lösungvon Gunnar SaftDie versuchte Mini-Sitzblockade gegen den Atommüll, der jetzt in Castor-Behältern quer durch Deutschland nach Ahaus transportiert wird, eignet sich trefflich für spektakuläre Fernsehbilder. In der Sache selbst hilft sie jedoch keinen einzigen Schritt weiter.
Der Widerstand gegen die rollenden Castoren ist vielmehr eher hinderlich bei dem von der rot-grünen Bundesregierung bereits beschlossene Atomausstieg, da er vom eigentlichen Problem ablenkt - der sicheren Endlagerung des Atommülls. Weil hier eine Lösung noch in ferner Sicht ist, stellt das Zwischenlager in Ahaus einen Kompromiss dar, dem man zustimmen kann oder nicht. Proteste gegen die Atomtransporte sind aber nur so lange legitim, wie dabei auch die öffentliche Sicherheit garantiert wird. Und sie sind völlig unverhältnismäßig, wenn dies nicht mehr gewährleistet werden kann. In der Hinsicht war die gestrige Premiere vom sächsischen Rossendorf nach Nordrhein-Westfalen für beide Seiten ein Erfolg. Der friedliche Einsatz der Demonstranten wurde wahrgenommen. Der Freistaat kann dagegen hoffen, bald von dem heiklen Müllproblem befreit zu sein. Was bleibt, ist das mulmige Gefühl, dass der Atomstreit bald richtig eskalieren könnte. Das passiert genau dann, wenn ab Herbst möglicherweise eine CDU/CSU-Bundesregierung das Ruder übernimmt und bei diesem wunden Punkt sofort auf strikten Gegenkurs zu Rot-Grün geht.
Castor-Transport aus Angst vor Protesten nicht durch AhausMehrere Blockaden und 120 km AutobahnstausZufrieden äußerten sich die Anti-Atomkraft-Initiativen mit den Protesten gegen den ersten von drei Castor-Transporte von Dresden nach Ahaus. An mehreren Orten gelang es bundesweit rund 1000 Atomkraftgegnern, den Atommülltransport erfolgreich zu blockieren sowie Aktionen an der Autobahn zu machen. Unsere Vermutungen bestätigten sich, dass diese Art von Autobahn-Castoren nur durch großräumige Autobahn-Sperrungen durchzuführen sind. Mehrere 10.000 AutofahrerInnen wurden durch die Polizeisperren in insgesamt 120 km Verkehrsstaus festgehalten. Nach unseren Schätzungen waren bis zu 10.000 Polizisten bundesweit im Einsatz. Von einem "störungsfreien" Transport kann deshalb überhaupt nicht die Rede sein.
Atommülltransport wird durch Nachbargemeinde von Ahaus umgeleitetNur durch ein offensichtlich lange geplantes Täuschungsmanöver gelang es der Polizei, den Castor-Transport ins Brennelement-Zwischenlager Ahaus zu bringen. Auf den letzten Kilometern fuhr der hochradioaktive Atommüll gegen 3.45 Uhr mitten durch die sehr enge Ortsdurchfahrt von Heek, ohne dass die Heeker Bevölkerung vorher informiert worden war. Damit fuhr der Atommüll nur rund 300 m durch Ahaus, während die Nachbargemeinden Heek und Schöppingen das volle Risiko der Atomtransporte tragen mussten. Auf Polizeikarten waren die genehmigten Routen durch Ahaus gar nicht erst eingezeichnet. Es handelte sich also nicht um eine spontane Aktion der Polizeiführung. Ein Polizeisprecher vor dem Zwischenlager Ahaus konnte vor der Presse nicht einmal sagen, ob die Polizei-Aktion rechtmäßig war.
Wir halten dieses Vorgehen für empörend und fragen, ob die Stadtspitze von Ahaus in diese Polizeipläne eingeweiht war. Hat die Stadtverwaltung in Ahaus versucht, ihre Atommüllprobleme auf die Nachbargemeinden abzuwälzen, um Proteste in Ahaus zu vermeiden? Welche Rolle haben die NRW-Landesregierung und die Polizeiführung bei diesem Täuschungsmanöver gespielt, das sehr an das skandalöse Verhalten von 1998 erinnert, als der Transporttermin vorverlegt wurde. Damit haben die abgewählte NRW-Landesregierung und die Polizeiführung jegliches Vertrauen verspielt, zumal der Transport zum Teil mit mehr als 80 km/h über die engen Landstraßen fuhr.
Blockaden in Dresden, Kamen, Legden und Ahaus
Den Atomkraftgegnern gelang es an vier Punkten Straßenblockaden durchzuführen. In Dresden saßen 70 Atomkraftgegner 3,5 Stunden vor der Hauptzufahrt des Forschungszentrums Rossendorf. In Jena gelangten Demonstranten vor dem Transport auf die Autobahn. In Kamen wurde eine Autobahnbrücke und später die B 61 blockiert. In Legden gelang es einer Gruppe von Demonstranten auf der Autobahn den Castor-Konvoi kurzfristig zu blockieren. In Ahaus blockierten 150 Atomkraftgegner die ganze Nacht hindurch die L 570 am Schumacher-Ring. Zuvor hatten bereits 650 Menschen in Ahaus gegen den Atommülltourismus quer durch Deutschland protestiert.
Auch in Bad Oeynhausen hatten 100 Leute demonstriert. An vielen anderen Orten fanden kleinere Aktionen an der Autobahn statt. Die Anti-Atomkraft-Initiativen kritisieren die Polizei für die Räumung der Ahauser Blockade. Die Personalienfeststellung lief gegen Ende zum Teil sehr rüde ab. Es wurden Arme verdreht und Würgegriffe angewandt. Es wurden zudem vier Personen in Gewahrsam genommen, obwohl die Blockade völlig friedlich verlief. Die Anti-Atomkraft-Initiativen rufen nun zu verstärkten Protesten auf. Bereits heute findet um 17 Uhr vor dem Zwischenlager die Aktion "Castor grillen" statt, um gegen die Rückfahrt der speziellen Stoßdämpfer nach Dresden zu behindern. Schwerpunkt der weiteren Aktionen wird der zweite Atomtransport von Dresden nach Ahaus sein, der spätestens nächsten Montag über die Autobahn rollen soll. Es geht darum, dass die Atommülltransporte eine enorme Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer und die Bevölkerung darstellen. Die Sicherheitsrisiken werden leichtsinnig heruntergespielt. Wir kritisieren dabei insbesondere, dass die zuständigen Ministerien auf die Anfragen zu Sicherheitsfragen bei den Transporten nicht mal geantwortet haben. Bei hochradioaktivem Atommüll handelt es sich jedoch um äußerst gefährliche Stoffe, wie der jüngste Störfall in der britischen Plutoniumfabrik Sellafield wieder zeigt.
"Transport in die Öffentlichkeit gebracht"von Stefan GrothuesAhaus - Florian Kollmann hat wenig Zeit. Ohne Unterlass klingelt das Telefon im Büro der Bürgerinitiative Ahaus. "Wir werden mit Presseanfragen aus ganz Deutschland bombardiert. Auch aus den Niederlanden melden sich viele Journalisten, um nach dem Stand der Dinge zu fragen." Melden sich auch Atomkraftgegner, um zu fragen, wo sie protestieren können" "Ja, aber nicht soviele wie Journalisten", räumt Kollmann ein. Vor sieben Jahren, beim letzten Castortransport nach Ahaus, hatte stets eine dicke Menschentraube das BI-Büro umlagert, um das Neueste über den Transport und die Proteste zu erfahren. Auch wenn die Resonanz der Demonstranten dieses Mal klein ist, Florian Kollmann ist zufrieden: "Wir haben unser Ziel erreicht und den Transport in die öffentliche Diskussion gebracht. - gro
Castortransport erreicht Ahausvon Michael Bosse, ddpDer erste von drei Atommülltransporten aus Sachsen hat das nordrhein-westfälische Zwischenlager Ahaus erreicht. Nach Angaben der Polizei gab es kaum Widerstand. Heute gegen 4.15 Uhr ging in Ahaus der lang erwartete "Tag X" eher unspektakulär zu Ende. Während die Polizei einige Kilometer entfernt noch die letzten Demonstranten von einer Kreuzung trug, rollten die Atommüll-Behälter fast unbemerkt von der Mehrzahl der Protestierenden vor dem Brennelemente-Zwischenlager an. Nach rund 16 Stunden war der Transport aus dem früheren Forschungsreaktor Rossendorf in Sachsen abgeschlossen.
Die Polizei hatte den Demonstranten ein Schnippchen geschlagen und eine andere Route als die erwartete Strecke genommen. Lediglich ein Demonstrant kletterte noch kurz vor der Ankunft über ein Absperrgitter und blockierte die Einfahrt der sechs per Spezial-Lkws transportierten Castor-Behälter. Nur rund 20 Demonstranten fanden sich zu diesem Zeitpunkt vor dem Zwischenlager ein. Familie Mertens aus Ahaus, die schon 1998 - beim letzten Castor-Transport - gegen die Atommülllieferung protestiert hatte, kam ebenfalls vor das Tor des Zwischenlagers. Vor sieben Jahren hatten allerdings noch mehrere zehntausend Menschen gegen die Castoren protestiert. Diesmal waren es nach Angaben der Anti-Atomkraft-Initiativen 600 bis 700 Teilnehmer. "Im Vergleich zu 1998 mit seinen bürgerkriegsähnlichen Zuständen war das jetzt mehr ein Abendspaziergang", sagte Frau Mertens. Trotz der im Vergleich zu 1998 bescheidenen Resonanz gab sich der Sprecher der Initiative "Widerstand gegen Atomanlagen (Wiga) Münster", Matthias Eickhoff, zufrieden. Es sei gelungen, den Widerstand gegen die Atommülllieferungen zu mobilisieren. Bei den weiteren zwei in den kommenden Wochen erwarteten Castor-Transporten aus Rossendorf hoffe man auf weiteren Zulauf. Auf ein positives Echo stieß der Verlauf der Nacht auch beim Sprecher der Kreispolizeibehörde Borken, Karsten Wolfering. Die Demonstranten hätten sich gut verhalten und lediglich eine Kreuzung besetzt. Am Montagabend hatten die Proteste mit einer Demonstration vom Ahauser Bahnhof durch die Innenstadt begonnen. Unter einigen Teilnehmern herrschte dabei durchaus Ernüchterung wegen der schwachen Resonanz. "Die Gleichgültigkeit der Bevölkerung enttäuscht mich schon", gestand Julius Radtke, der mit einem Fahrrad und einer Anti-Atomkraft-Flagge am Gepäckträger am Demonstrationszug teilnahm. Durch den Atomkompromiss der rot-grünen Regierung sei die Bevölkerung "eingelullt" worden. Statt langer Restlaufzeiten hätten die Atomkraftwerke sofort abgestellt werden müssen. Mit einem großen Castor-Modell zogen die Demonstranten durch die Stadt. Unter den Teilnehmern fand sich ein bunter Querschnitt der Bevölkerung - Erwachsene und Kinder, Punks und Alternative. Christliche Gruppen waren ebenso vertreten wie diejenigen, die "für den sofortigen Ausstieg aus Atomkraft, Staat und Kapitalismus" warben. Im Bemühen, sich alter Wählerschichten zu versichern, war am Montagabend auch die scheidende NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) auf der Demonstration erschienen. Nicht jeder Atomkraftgegner sah das gern, wird die abgewählte rot-grüne Landesregierung doch für die Castor-Transporte mitverantwortlich gemacht. Höhn kritisierte die Castor-Fahrten als "unsinnig" und verwies darauf, dass das Nordrhein-Westfalen erfolglos dagegen geklagt hatte. "Ich finde es richtig, dass hier demonstriert wird", sagte die Politikerin. An dem mehrere Kilometer langen Demonstrationszug durch die Innenstadt beteiligte sie sich dann aber nicht mehr.
Atommüll ohne Zielvon Markus FüllerKonvois rollen mit futuristischen Behältern auf Autobahnen quer durch die Republik. Zufahrtswege sind für den Normalverkehr gesperrt. Hundertschaften von Sicherheitspersonal geben Begleitschutz. Die Einsatzzentrale verfolgt online jede Radumdrehung. Ein Katastrophenfilm? Nein. Die Szene ist aus dem realen Stück: friedliche Nutzung der Atomenergie. Gezeigt auf deutschen Straßen. Viele haben sich daran gewöhnt. Das ist kurios. Denn noch immer gibt es für den atomaren Müll kein Ziel. Mal geht es in ein Zwischenlager, mal zur Wiederaufbereitung, von dort wieder in ein Zwischenlager. Ohne eine blasse Ahnung, wo und ob überhaupt die tödlichen Brennstäbe für immer sicher gelagert werden können. Diese Tage machen mal wieder bewusst: Atomkraft ist ein Spiel mit dem Feuer. Am Wochenende erst die Meldung über einen weiteren schweren Störfall im britischen Sellafield, gestern der ziellose Gefahrentransport. Die erneute Sensibilisierung kommt zumindest zum richtigen Zeitpunkt. Union und FDP haben angekündigt, im Falle eines Wahlsieges mit diesem Feuer weiter zündeln und den mit der Energiewirtschaft vereinbarten Atomausstieg rückgängig machen zu wollen. Ein Aufbruch in die Zukunft sieht anders aus.
Mit dem Castor rollt der Rubelvon Martin TeigelerTrotz langjähriger Proteste akzeptieren Lokalpolitik und Bevölkerungsmehrheit die Castortransporte. Für die strukturschwachen Atomstandorte Ahaus und Gronau bringt das nukleare Geschäft Geld Der Castor kommt - und mit ihm das große Geld. Gestern startete der erste Atommülltransport aus dem Kernforschungszentrum Rossendorf bei Dresden ins Zwischenlager Ahaus an der niederländischen Grenze. Doch von der Stadtspitze der 38.000-Einwohner-Kommune im Münsterland war keine Stellungnahme zu bekommen. "Der Bürgermeister hat Termine", sagte ein Stadtsprecher auf taz-Anfrage. Kein böses Wort also von Rathauschef Felix Büter (CDU) über den nahenden Atommüll. Schließlich hat die Kleinstadt vom Atomgeschäft finanziell profitiert. "Es ist kein Geheimnis, dass wir Zahlungen bekommen", heißt es aus der Verwaltung.
Das Projekt Brennelemente-Zwischenlager (BZA) wurde von der in Ahaus traditionell regierenden CDU in den 1970er Jahren aktiv unterstützt - gegen Bares. Die ortsansässige Textilindustrie stand damals vor dem Aus. Da kam die Idee, Atomindustrie im strukturschwachen Münsterland anzusiedeln, gerade recht. Ahaus bewarb sich erst als Standort für eine Brennelementefabrik, dann für eine Urananreicherungsanlage, die aber im Nachbarort Gronau errichtet wurde. Am Schluss blieb der verärgerten Gemeinde das Zwischenlager. "'Gronau der Speck, Ahaus der Dreck', hieß es damals", sagte Stadtdirektor Robert Jünemann (CDU) einmal. Ende der 1970er Jahre flossen zunächst 49 Millionen Mark Landesgelder ins Stadtsäckel. Die beiden ersten atomrechtlichen Genehmigungen des Lagers stammen von 1987 und 1992. Sie umfassten die 40-jährige Aufbewahrung bestrahlter Brennelemente aus Reaktoren. Alle 19 Atomkraftwerke aus den alten Bundesländern reservierten sich Ahauser Stellplätze. In den 1990er Jahren eiste Jünemann noch einmal 160 Millionen Mark bei den BZA-Betreibern los. Das Geld sollte der Kommune beim wirtschaftlichen Aufschwung helfen. Ahaus entwickelte sich tatsächlich, gewann neue Einwohner und Steuerzahler hinzu.
Doch im Sommer 1996 stellte sich selbst Christdemokrat Jünemann kurzzeitig quer. Dass die damalige Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) auch unbenutzte Brennelemente für den schnellen Brüter von Hanau nach Ahaus schaffen lassen wollte, ging plötzlich allen politischen Fraktionen in Ahaus gegen den Strich. "Die meisten Bürger stehen zwar hinter dem BZA und zweifeln nicht an seiner Sicherheit, doch die Gefahr, dass die ganze Republik auf uns gehetzt wird, ist groß", warnte Jünemann damals. Ahaus wolle nicht zum "Treffpunkt der deutschen Chaoten" werden. Und so protestierten beim letzten Castortransport im März 1998 nicht nur Atomkraftgegner aus der ganzen Republik, sondern insgesamt 10.000 Bürger gegen den Atommüll - unter ihnen auch eingefleischte CDU-Anhänger. Anno 2005 hat sich die christdemokratische Stadtspitze längst wieder mit dem BZA arrangiert. Beobachter schätzen die jährlichen BZA-Zahlungen an die Kommune auf rund eine Million Euro - hinzu kommt die Gewerbesteuer. 20 Kilometer nördlich in Gronau profitiert die wirtschaftlich schwache Stadt ebenfalls vom Atomgeschäft. Neben CDU-Bürgermeister Karl-Heinz Holtwisch freute sich Anfang 2005 auch die SPD über den genehmigten Ausbau der Urananreicherungsanlage. Damit würden nicht nur die bestehenden 256 Arbeitsplätze gesichert, so SPD-Energiepolitiker Werner Bischoff. Für die Stadt Gronau seien bis zu 15 Millionen Euro an Gewerbesteuer gesichert worden. Die konservative Bevölkerungsmehrheit scheint hinter der Atompolitik im Münsterland zu stehen: Bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen kam die CDU in Ahaus und Gronau auf 50 bis 60 Prozent.
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Kath. Frauengemeinschaft Deutschland, Ahaus, 06. Juni 2005 >aktuell. >juni05. >rückblick castor aus rossendorf x2. >aktuell. >mai05. >rückblick castor aus rossendorf x1. >aktuell. >mai05. >rückblick castor aus rossendorf vorlauf x1.
Münsterland-Zeitung, 25. Mai 2005
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., Pressemitteilung, 23. Mai 2005
Münsterland-Zeitung, 11. Mai 2005
Münsterland-Zeitung, 03. Mai 2005
Die Tageszeitung, 28. April 2005
Münsterland-Zeitung, 19. April 2005
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., Pressemitteilung 05. April 2005
Münsterland-Zeitung, 30. März 2005
Münsterland-Zeitung, 15. März 2005
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., Pressemitteilung, 14. März 2005
Die Tageszeitung, 10. März 2005
Die Tageszeitung, 28. Februar 2005
Münsterland-Zeitung, 24. Februar 2005
WDR, 20. Februar 2005
Münsterland-Zeitung, 10. Februar 2005
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., Pressemitteilung, 14. Januar 2005
Westfälische Nachrichten, 23. Dezember 2004
Münsterland-Zeitung, 15. Dezember 2004
Freie Presse Sachsen, 11. November 2004
Die Tageszeitung, 09. November 2004
Münsterland-Zeitung, 28. Oktober 2004
WDR, 21. Oktober 2004
Leipziger Volkszeitung, 13. Oktober 2004
Münsterland-Zeitung Ahaus 12. Oktober 2004
Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., Pressemitteilung, 06. Oktober 2004
Sächsische Zeitung, 28. September 2004
Münsterland-Zeitung, 28. September 2004
ahaus-online.de, 11. September 2004
WDR, 01. September 2004
Westfälische Nachrichten, 20. August 2004
BI "Kein Atommüll in Ahaus", WigA Münster, Pressemitteilung, 06. August 2004
WDR, 06. August 2004
Münsterland-Zeitung, 17. Juli 2004
Münsterland-Zeitung, 03. Juli 2004
DDP-Agenturmeldung, 02. Juli 2004
Münsterland-Zeitung, 24. Juni 2004
WDR, 08. Juni 2004
Sächsische Zeitung, 13. Mai 2004
Münsterland-Zeitung, 19. April 2004
Münsterland-Zeitung, 02. April 2004
Münsterland-Zeitung, 31. März 2004
Münsterland-Zeitung, 24. März 2004
Die Tageszeitung, 18. März 2004
Münsterland-Zeitung, 13. März 2004
Westline, 10. März 2004
Münsterland-Zeitung, 10. März 2004
Neue Ruhr-Zeitung, 06. März 2004
Münsterland Zeitung, 04. März 2004
Münsterland Zeitung, 03. März 2004
Sächsische Zeitung, 01. März 2004
Die Tageszeitung u.a., 20. Februar 2004
Sächsische Zeitung, 20. Februar 2004
Münsterland-Zeitung, 17. Februar 2004
Leipziger Volkszeitung, 07. Februar 2004
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BI "Kein Atommüll in Ahaus" u.a., 01. Februar 2004
BI "Kein Atommüll in Ahaus", 20. Januar 2004
Münsterland Zeitung, 15. Januar 2004
Die Tageszeitung, 11. Januar 2004
Münsterland Zeitung, 19. Dezember 2003
Die Tageszeitung, 19. Dezember 2003
Westfälische Nachrichten, 19. Dezember 2003
Münsterland Zeitung, 18. Dezember 2003
Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen u.a., 17. Dezember 2003
Münsterland Zeitung, 02. Dezember 2003
Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen/Grüne Liga Sachsen
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