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Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 06. Mai '00

Gemeinsam Opfern gedenken

Erstmals offizielle Ahauser Delegation beim Totengedenken in Haaksbergen

von Stefan Grothues

Ahaus/Haaksbergen. "Wirkliche Freiheit ist nur in Frieden und mit der Bereitschaft zur Aussöhnung möglich". Mit diesen Worten hat Theo Schoten, Bürgermeister der Partnerstadt Haaksbergen, im Rahmen des nationalen Totengedenkens in den Niederlanden die Bedeutung des gemeinsamen Erinnerns von Niederländern und Deutschen hervorgehoben.

Erstmals in der 55-jährigen Geschichte des Totengedenkens hatten die Haaksbergener am Donnerstagsabend eine offizielle Delegation der Stadt Ahaus zur Teilnahme an der Gedenkfeier und dem Schweigemarsch durch die Innenstadt eingeladen.

Seit Kriegsende trauern die Niederländer am 4. Mai, am Vorabend ihres Befreiungstages, um die Opfer des Krieges und der nationalsozialistischen Herrschaft. Noch zum 50. Jahrestag des Kriegsendes war eine deutsche Beteiligung nach öffentlicher Diskussion abgelehnt worden. Zu schmerzhaft war für einige jüdische Familien der Gedanke, gemeinsam mit den Deutschen ihrer ermordeten Angehörigen zu gedenken. "Es ist auch heute noch nicht leicht für uns", sagte am Donnerstagabend ein jüdisches Ehepaar im Gespräch mit der Münsterland Zeitung. "Aber es ist leichter, wenn nun die jungen Deutschen kommen, die Generation, die keine Schuld auf sich geladen hat."

In den fünf Jahren behutsamer Vorarbeit hat der Haaksbergener "Arbeitskreis 4. Mai" den Weg zur offiziellen Einladung an die Stadt Ahaus freigemacht.

Der Ahauser Manfred Laumann wurde in den Arbeitskreis aufgenommen. Der Arbeitskreis rief eine Gruppe ins Leben, in der Niederländer und Deutsche verschiedener Generationen miteinander ins Gespräch kamen. Vor zwei Jahren beteiligten sich erstmals Ahauser Schüler am Totengedenken. "Das war eine gute Erfahrung, ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung, das auch von Skeptikern in Haaksbergen so verstanden wurde", sagte am Donnerstag abend Barend Kok, der Vorsitzende des Arbeitskreises 4. Mai, in der Pankratiuskirche. In der Feierstunde, die vom Ahauser Kirchenchor St. Josef musikalisch mitgestaltet wurde, las auch eine Ahauser Schülerin aus dem Tagebuch der Anne Frank vor.

Collagen niederländischser Schüler erinnerten an die Schrecken des Krieges. Manfred Laumann trug den erschütternden Brief einer 29jährigen Frau aus dem Konzentrationslager Westerbork vor, in dem sie vor ihrer Ermordung nicht nur Angst, sondern auch menschliche Größe zeigte.

Danach zogen einige hundert Menschen im Trauerzug schweigend durch Haaksbergens Straßen. Viele Häuser waren mit Fahnen auf Halbmast beflaggt. Die Gedenkveranstaltung endete um 20 Uhr mit zwei Schweigeminuten, die im ganzen Land eingehalten werden.


"Grenze glücklich überwunden"

Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande wurden in Haaksbergen 20 jüdische Bürger verschleppt und ermordet, acht Haaksbergener wurden hingerichtet, 68 starben bei Bombenangriffen, als sich die britischen Piloten bereits über Alstätte wähnten und die Bomben ausklinkten. Auf dem Haaksbergener Freidhof sind zehn niederländische Soldaten und 19 britische Soldaten beerdigt.

Welche menschlichen Schicksale sich hinter diesen Zahlen verbergen, davon berichtet beim Trauermarsch durch die Stadt ein älterer Haaksbergener dem Ahauser, der zufällig neben ihm läuft: Die Metzgerei dort drüben habe früher einer jüdischen Familie gehört, die sich nach dem Einmarsch der Deutschen für fast zwei Jahre in einem Unterschlupf im Wald versteckt halten konnte. Doch dann wurden sie verraten, deportiert und ermordet.


Zehnjährige ermordet

Ein paar Straßenzüge weiter erzählt er von einem Haaksbergener Widerstandskämpfer. Das sei ein ganz tiefgläubiger Mann gewesen. In einem entscheidenden Moment habe er Skrupel gehabt, auf Menschen zu schießen - und wurde selbst erschossen. Sechs Kinder habe er hinterlassen. Später deutet der Haaksbergener auf zwei Frauen, die im stillen Gedenken am Mahnmal verharren: "Das sind zwei Töchter des ermordeten Widerstandskämpfers."

Eines der jüngsten Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Haaksbergen war Betsie Frankenhuis, an die heute ein Denkmal nahe dem Friedhof erinnert. Das jüdische Mädchen war erst zehn Jahre alt, als sie ermordet wurde. "Soviel Hass und soviel Dummheit - man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen", schüttelt der ältere Haaksbergener den Kopf. "Ich bin froh, dass wir die Grenze in Buurse überwunden haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier soetwas jetzt noch einmal passieren kann."


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