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Der Spiegel online 30. März 2001

Antritt gegen das Stromkartell

Kommentar zum Castor-Konflikt

von Harald Schumann

Die Anti-Castor-Proteste zeigen: Es gibt keinen Atom-Konsens in Deutschland. Die geplante Fortsetzung der Atomkraftnutzung für weitere 20 Jahre ist Ausdruck des Versagens der Demokratie vor der Macht des Oligopols der Stromkonzerne.

Jetzt zetern sie wieder, die Sachwalter der Atomwirtschaft in Deutschlands Ministerien. "Schwere Straftaten" seien bei den Anti- Atom-Demonstrationen begangen worden, zetert der heutige Bundesinnenminister und frühere Sitzblockierer Otto Schily, und will nun pauschal sämtliche namhaft gemachten Demonstranten zur Haftung heranziehen.

Bayerns Innenminister und CSU-Scharfmacher Günther Beckstein erregt sich über "linksextremistische Gewaltexzesse" und selbst Jürgen Trittin, der militante Atomkraftgegner von einst, übt sich pflichtschuldigst in der "Sorge um die Eskalation" im einstigen grünen Stammbezirk Lüchow-Dannenberg.

Schon recht. Die vermummten Möchtegern-Helden, die mit Steinen und Leuchtpistolen im Namen der guten Sache ihre Autoritätskonflikte auf Kosten von Polizeibeamten austoben, sind ein stetes Ärgernis. Doch das ist die unerwünschte Begleiterscheinung fast aller Art von Massenprotesten.

Anstatt die endlose Debatte um Demonstranten-Gewalt erneut anzuheizen, täten Deutschlands rot-grüne Regenten gut daran, sich mit dem eigentlichen Anliegen der in ihrer Mehrheit friedlichen Demonstranten auseinander zu setzen: Es gibt keinen Konsens über die weitere Nutzung der Atomkraft in Deutschland. Und den kann es unter den im vergangenen Jahr mit den Stromkonzernen ausgehandelten Bedingungen auch gar nicht geben.

Denn der vermeintliche Kompromiss ist keiner. Der Bundesregierung ist es in keinem einzigen relevanten Punkt gelungen, dem Oligopol der vier Konzerne RWE, E.on, EnBW und HEW irgendein Zugeständnis abzuringen. Stattdessen sicherten ihnen die Atomkraftgegner im Regierungsamt zu, dass ihre materiellen Interessen aus den Investitionen in das Atomabenteuer in vollem Umfang gewahrt bleiben.


Entsorgung findet nicht statt

Die Konsequenzen daraus sind - ausgedrückt mit den Worten roter und grüner Parolen früherer Zeiten - extrem riskant und unverantwortlich. Nicht nur bleibt die Gefahr der radioaktiven Verseuchung der Heimat von vielen Millionen Menschen infolge eines Super-GAUs. Zudem wächst unaufhörlich der Atommüllberg.

Bereits bis zum Ende des Jahres 2000 waren aus deutschen Atommeilern rund 8500 Tonnen hochgiftigen Strahlenabfalls angefallen. Für dessen auf zigtausend Jahre notwendige Abschottung von der Umwelt gibt es weltweit kein praktikables Konzept, Entsorgung findet nicht statt.

Der Konsensvertrag sieht aber vor, dass diese Anhäufung hochradioaktiver Stoffe noch 20 Jahre lang fortgesetzt wird. Bis dahin wird das Atommüll-Volumen noch einmal um 30 Prozent zunehmen. Zugleich dürfen die Atomstromer weitere fünf Jahre die verstrahlten Brennstäbe zur Extraktion von Plutonium nach Frankreich und England schaffen.

Dort lagern bereits jetzt 5200 Tonnen radioaktiven Schwermetalls, 1770 Tonnen sollen noch dazukommen. Allein aus der Plutoniumfabrik La Hague werden daher in den nächsten 10 Jahren noch 120 Castor-Behälter zurück nach Deutschland fahren müssen. Weitere 39 Müll-Container müssen aus dem britischen Sellafield herangeschafft werden - irgendwohin, nach Gorleben, Ahaus oder anderswo.


Jährlich eine Milliarde Mark Steuersubventionen für die Atomindustrie

Fortgesetzt wird auch die steuerliche Förderung des Atomkraftbetriebs. Rund fünf Milliarden Mark dürfen die Betreiber Jahr für Jahr steuerfrei einnehmen, angeblich zur Vorsorge für die Entsorgungskosten, tatsächlich aber zur freien Verfügung für die Stromwirtschaft, die damit ihre Expansion quer durch alle Branchen finanziert. Gemessen an den Steuerausfällen von über einer Milliarde Mark jährlich nehmen sich die Polizeikosten zum Schutz der Castortransporte von 20 Millionen Mark geradezu bescheiden aus.

Diesen Zustand lediglich mit allzu großer Willfährigkeit der Regierung Schröder gegenüber den Strombossen zu erklären, greift jedoch zu kurz. Das Scheitern der rot-grünen Energiepolitik ist vielmehr Ausdruck eines Demokratie-Versagens, das eine Regierung allein gar nicht beheben kann: Die unkontrollierte - und demokratisch nicht legitimierte - Macht des deutschen Strom- Oligopols.

Mit ihrem Kraftwerksbesitz, den beinahe unbegrenzten Kapitalreserven und dem alleinigen Zugriff auf das Stromnetz, der bis heute wider alle Liberalisierungsträume fortbesteht, können die vier Konzerne jede Energiepolitik torpedieren, die ihren Interessen zuwider läuft.


Selbst das Ausstiegsgesetz müssen die Strombosse genehmigen

Das geht so weit, dass nun selbst das neue Atomgesetz, das doch nur den Konsensvertrag in Paragrafen gießt, den Strom-Managern erst zur Gegenzeichnung vorgelegt wird, bevor das Kabinett es verabschiedet. Weil Minister Trittin zumindest in der Begründung zum Gesetz die Unverantwortlichkeit der Atomkraftnutzung festhalten wollte, verweigerten seine Konsenspartner bislang die Unterschrift. Darum gibt es noch immer kein Ausstiegsgesetz, trotz Konsens.

Zeitgleich missbrauchen die Stromer ihre Macht, um den konsequenten Ausbau der klimaschonenden Kraft-Wärme-Koppelung zu blockieren. Unverhohlen drohten sie mit der Massenentlassung ostdeutscher Braunkohlearbeiter und setzten durch, dass das ambitionierte Klimaschutzprogramm gestutzt wird, um sich die lästige Konkurrenz kleinerer Stromerzeuger vom Hals zu halten.

Gegen den Willen der unseligen Vier ist in Deutschland also lediglich dann Politik zu machen, wenn wirklich breite Kreise der Bevölkerung sich öffentlich und sichtbar dazu bekennen. Genau das aber brachte die müde gewordene Umweltbewegung nach dem Antritt von Rot-Grün kaum noch zu Stande. Unweigerlich gerieten Schröder und seine Truppe darum gegenüber der Strommacht in die Defensive.

Daran werden zwar auch die wieder aufgeflammten Castor-Proteste vorerst wenig ändern. Gleichwohl sind sie unverzichtbar, um wenigstens die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Stromkartell erneut anzufachen.


Mi, 05.09.01 Frankfurter Rundschau
Bundesregierung verabschiedet Atomnovelle

Mo, 06.08.01 Reuters-Agenturmeldung
Umweltverbände und Industrie lehnen Atomnovelle ab

Mi, 02.08.01 Pressemitteilung Aktionsbündnis Castor-Widerstand
Vielfältiger Widerstand begleitet den Atommülltransport in Frankreich

Mi, 02.08.01 Süddeutsche Zeitung
Atommüll Castor-Zug erreicht erstes Ziel

Di, 05.06.01 Verlagsprojekt Tolstefanz
Fragen und Antworten zum AtomNonsens

Mi, 16.05.01 Potsdamer Neuste Nachrichten
Abschied von der Kernkraft ist nicht endgültig

Mo, 14.05.01 Kommentar, Hartwig Berger, MdA Berlin, Bündnis '90/Die Grünen
Wie "demokratisch" ist der Atomkonsens?

Mo, 14.05.01 Reuters-Agenturmeldung und andere
Atommülltransport von mehreren Blockaden unterbrochen

Do, 26.04.01 Die Tageszeitung
"Jedes zweite Atomkraftwerk macht Verlust"

Do, 26.04.01 Frankfurter Rundschau
Der GAU lässt grüßen

Mi, 25.04.01 Badische Zeitung
Sellafield setzt auf die Deutschen

Mi, 25.04.01 Berliner Zeitung
Transporte widersprechen dem Atomkonsens

Mi, 11.04.01 Frankfurter Rundschau
Kommentar: Kreislaufmüll

So, 08.04.01 Aktionsbündnis Castor-Widerstand
Aufruf: Nach dem Castor ist vor dem Castor

Mo, 02.04.01 Frankfurter Allgemeine Zeitung
Operativer Erfolg, strategische Niederlage

Fr, 30.03.01 Der Spiegel online
Antritt gegen das Stromkartell

Do, 29.03.01 Le Monde
Un guepier pour les relations franco-allemandes - Ein Wespennest für die dt.-frz. Beziehungen

Do, 29.03.01 redaktion@uwg-ahaus.de
Rückblick Tag X im Wendland '01


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