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Berliner Zeitung, 03. März 2002

Stromindustrie will Atomausstieg fortführen

Im Widerspruch zu Plänen Stoibers

von Hendrik Munsberg

Berlin. Die deutschen Stromkonzerne wollen auch im Falle eines Wahlsieges der CDU/CSU am Atomausstieg festhalten. Nach Informationen der "Berliner Zeitung" haben dies die Spitzen der Atomindustrie dem Unionskanzlerkandidaten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber zu verstehen gegeben. Hintergrund ist, dass die Energiewirtschaft inzwischen die Vorzüge des mit der rot-grünen Bundesregierung ausgehandelten Vertrags schätzt, der ihr Laufzeiten von mehr als 30 Jahren garantiert. Die Spitzen der Industrie sind davon überzeugt, dass es ohne die Vereinbarung nach den Anschlägen vom 11. September eine hitzige Debatte über schnellere Abschaltungen der deutschen Kernkraftwerke gegeben hätte.

Stoiber hatte in den letzten Wochen mehrfach angekündigt, er werde im Falle eines Sieges bei der Bundestagswahl im September den Energiekonsens wieder aufkündigen. Der Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft gilt als eines der wichtigsten Projekte der rot-grünen Koalition. Nach zähen Verhandlungen hatten Regierung und Energieunternehmen die Vereinbarung zum Atomausstieg im vergangenen Juni unterzeichnet.


Schwere Vorwürfe gegen HEW

Die Betreiber des schleswig-holsteinischen Kernkraftwerks Brunsbüttel geraten nach dem jüngsten Störfall immer stärker unter Druck. Nach Informationen des "Spiegel" sollen die Hamburger Electricitätswerke (HEW) nach einer Rohrexplosion im vergangenen Dezember die Weisung zur Fortsetzung der Produktion erteilt haben, obwohl die Werksleitung für ein Abschalten der Anlage plädiert hatte. Die HEW wiesen dies mit Nachdruck zurück.

Ein HEW-Manager soll dem Magazin zufolge im kleinen Kreis gesagt haben, dass das Unternehmen in eine schwierige Finanzsituation geraten wäre, wenn es den Meiler sofort abgeschaltet hätte. Für die Bereitstellung von Ersatzstrom hätte es nach Berechnungen des Magazins bis zu 80 Millionen Euro bezahlen müssen. (mit AP)

 


Spiegel online, 03. März 2002

Wiedereinstieg in die Atomkraft

Industrie torpediert Stoiberpläne

Für den Fall eines Wahlsiegs werde er den Atomausstieg der rot-grünen Bundesregierung wieder rückgängig machen, kündigte Edmund Stoiber großmundig an. Doch der Kanzlerkandidat hat die Rechnung ohne die Atomindustrie gemacht. 

Frankfurt/Main - Die deutschen Stromkonzerne wollen offenbar auch im Falle eines Wahlsieges von CDU/CSU am Atomausstieg festhalten. Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" gaben dies die Spitzen der Atomindustrie dem CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten jetzt zu verstehen. Hintergrund sei, dass die Energiewirtschaft inzwischen die Vorzüge des mit der rot-grünen Bundesregierung ausgehandelten Vertrags schätze, der ihr Laufzeiten von mehr als 30 Jahren garantiere. So seien die Spitzen der Industrie einhellig der Meinung, dass es ohne die Vereinbarung nach den Terrorangriffen vom 11. September eine hitzige Debatte über schnelle Abschaltungen der deutschen Kernkraftwerke gegeben hätte.

Stoiber hatte in den letzten Wochen mehrfach angekündigt, er werde im Falle eines Sieges bei der Bundestagswahl im September den Energiekonsens wieder aufkündigen. Stoiber selbst bekräftigte in einem Interview der Heidelberger "Rhein-Neckar-Zeitung" seine Kritik am Atomausstieg: "Ohne die bestehenden Kernkraftwerke sind die Klimaschutzziele nicht erreichbar, zu denen sich Deutschland international verpflichtet hat." Außerdem sei Rot-Grün aus der Kernenergie nicht ausgestiegen, sondern in den zukünftigen Import von Kernenergie aus dem Ausland eingestiegen.

Der Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft gilt als eines der wichtigsten Projekte der rot-grünen Koalition. Nach zähen Verhandlungen und koalitionsinternen Streitigkeiten hatten Regierung und Energieunternehmen die Vereinbarung zum Ausstieg im vergangenen Juni unterzeichnet. Bundesumweltminister Jürgen Trittin geht davon aus, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Atomausstieg entschieden hat. Gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit sei der Atomausstieg nicht mehr rückgängig zu machen, sagte der Grünen-Politiker kürzlich.


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