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Das Parlament, 09. November 2001

Von einer Renaissance weit entfernt

Viele Länder verabschieden sich von der Nuklearenergie

von Dagmar Dehmer

Immer noch fassungslos ist Christian H. Poindexter, Chef der Constellation Energy Group: "In meinen wildesten Träumen hätte ich nicht erwartet, ihn hinter uns zu bekommen." Poindexter spricht von US-Vizepräsident Dick Cheney, der mit seinem nationalen Energieprogramm der siechenden Atomindustrie unerwartet wieder etwas Leben einhauchte. Die Rückbesinnung auf die Nuklearenergie hat viel zu tun mit den Stromausfällen in Kalifornien, mit Turbulenzen auf dem Erdölmarkt und mit einem unstillbaren Hunger nach Energie. Wie überall in den industrialisierten Ländern hatten auch die USA der Elektrizitätserzeugung im letzten Jahrzehnt keine große Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Neue Kraftwerke wurden kaum noch gebaut. Und die langsame Liberalisierung der Energiemärkte in den USA, die 1998 eingeleitet wurde, führte ebenso wenig zu einem Neubau-Boom. In einer Zeit beginnenden Wettbewerbs und sinkender Preise wollten sich die Konzerne keine großen Investitionen ans Bein binden. Schon gar keine Kernkraftwerke, für die es seit dem Reaktorunfall in Harrisburg 1979 ohnehin keine öffentliche Akzeptanz mehr gab. Seit 1973 ist in den USA kein Atomkraftmeiler mehr geordert worden. Und selbst jetzt, nachdem die Regierung von Präsident George W. Bush die Nuklearindustrie wieder ermuntert, ist von Neubau keine Rede. Rund 20 Prozent des US-Bedarfs werden mit Atomstrom gedeckt. Nun haben eine Reihe von Betreibern der noch gut 100 US-Kernkraftwerke eine Verlängerung ihrer Betriebserlaubnis von 40 auf 60 Jahre beantragt.

Von einer Wiedergeburt ist die Branche gleichwohl weit entfernt. Peter Bradford, der früher der Nuklearen Regulierungs-Kommission angehörte, führt vor allem wirtschaftliche Argumente ins Feld. Und dann ist da noch das Problem mit dem Atommüll: Zwar hat Washington schon vor Jahren entschieden, dass in Yucca Mountain, in der Wüste Nevadas, ein nukleares Endlager gebaut werden soll. Doch wurde für dieses Projekt eine Abfallmenge vereinbart, die beim Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke über eine Dauer von 40 Jahren entsteht. Sollten die Meiler hingegen tatsächlich 60 Jahre laufen, wird weitaus mehr Atommüll zu entsorgen sein. Zudem wächst in Nevada der Widerstand gegen ein Endlager. Solange also das Abfall-Problem nicht gelöst ist, wird es keine neuen Reaktoren geben. Das sehen sogar die Befürworter der Nukleartechnik so.

Für die langfristige Lagerung von Atommüll hat bisher noch kein Land eine Plan parat. Japan lässt die abgebrannten Brennstäbe in La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien) aufarbeiten. Der dabei entstehende strahlende Abfall wird in der Provinz Aomori zwischengelagert. Mitte 2005 will Japan eine eigene Wiederaufbereitungsanlage in Betrieb nehmen. Doch seit dem schweren Atomunfall in Tokaimura 1999 mehren sich auch in Japan kritische Stimmen gegenüber der Entsorgungspolitik und der Nuklearenergie - wobei jedoch ein Ausstieg aus der Atomkraft nicht zur Debatte steht. Frankreich, das knapp 80 Prozent seines Stroms aus Kernkraftwerken bezieht, hat ebenfalls noch keine Lösung für den hochgiftigen Abfall gefunden. Was mit dem bisher in La Hague zwischengelagerten nuklearen Müll einmal geschehen wird, soll bis 2006 entschieden sein.


Wohin mit Atommüll?

Auch in Großbritannien ist noch kein Konzept in Sicht. Zwar will der Staatskonzern British Nuclear Fuel Limited (BNFL) im schottischen Dounreay Atomabfallbehälter im Fels nahe dem Meer einschließen. Doch ist umstritten, ob ein solches Endlager tatsächlich sicher ist. Ein ähnliches Vorgehen schwebt Finnland vor. Dort soll der Nuklearmüll im Felsufer der Ostsee versenkt werden. Nennenswerter Widerstand wird aus dem nördlichsten EU-Staat bisher nicht gemeldet. In Deutschland will eine Findungs-Kommission Kriterien für eine mögliche Endlagerstätte entwickeln. Vermutlich wird der Salzstock in Gorleben, der bisher favorisiert wurde, aus der Liste der möglichen Standorte gestrichen. Entschieden ist allerdings noch nichts. Und nicht zu vergessen - Russland, das seine Atomabfälle im Südural rund um Majak und in Sibirien vergräbt. Die gesamte Umgebung der Nuklearfabrik Majak ist seit Jahrzehnten stark verstrahlt, die Krebsraten liegen um ein Vielfaches höher als im übrigen Land. Zwar hat das russische Parlament vor kurzem einem Gesetz zugestimmt, das eine Einfuhr ausländischen Atommülls erlaubt. Doch hat die EU-Kommission starke Bedenken wegen der mangelnden Sicherheit russischer Endlager, so dass der Abschluss von Einfuhrverträgen mit EU-Mitgliedsstaaten vorerst nicht wahrscheinlich erscheint. Brüssel kann zwar Vereinbarungen Moskaus mit einzelnen Ländern rechtlich nicht verhindern, aber die Position der EU hat bei solchen Entscheidungen natürlich politisches Gewicht.

Für das Jahr 2000 zählt die Internationale Atomenergie Organisation in Wien insgesamt 438 Reaktoren, die 16 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms erzeugen. Dass es viel mehr werden, glauben nicht einmal Optimisten. Dazu trägt auch der Bonner Klimagipfel vom vergangenen Sommer bei. Die am Rhein vertretenen fast 180 Staaten beschlossen, dass Industriestaaten für den Bau von Kernkraftwerken in Entwicklungsländern keine Klimagutschriften bekommen. Zwar hindert sie der Vertrag nicht daran, ihr nationales Klimaschutz-Ziel mit Hilfe von Atomkraftwerken zu erreichen - aber eben nur zu Hause.

Der Klimaschutz und vor allem die Furcht vor kalifornischen Verhältnissen waren es, die den britischen Regierungschef Tony Blair eine Wende seiner Energiepolitik hin zu einer Renaissance der Kernenergie andeuten ließen. Das britische Unternehmen BNFL, das neben der Nuklearfabrik in Sellafield auch noch eine Reihe älterer Kernkraftwerke auf der Insel betreibt, hat angeboten, mindestens fünf neue Meiler zu bauen. Diese Reaktoren sollen mit Gas-Kraftwerken wirtschaftlich konkurrieren können, verspricht der Konzern. Doch das zu glauben, fällt schwer. Denn BNFL ist es noch nicht einmal gelungen, schon lange abgeschriebene Atomkraftwerke wirtschaftlich zu betreiben. Wenn die britische Regierung die Stromwirtschaft nicht dauerhaft mit Subventionen versorgen will, wird London dieses Angebot bestimmt noch einmal nachrechnen.

Selbst in Frankreich nähert sich die Atom-Euphorie einem Ende. Dieses Jahr stellte sogar Präsident Jacques Chirac diese Technik erstmals in Frage. Kein Land der Welt könne sich "allein auf Öl oder die Atomenergie" verlassen, sagte der konservative Politiker. Und nicht nur in Deutschland ist der Abschied von der Kernspaltung bereits in vollem Gange. Österreich hat nach einem Referendum bereits 1978 den Bau und den Betrieb von Atomkraftwerken gesetzlich verboten. In Italien verlangte eine Volksabstimmung nach der Katastrophe von Tschernobyl, auf das Nuklearprogramm zu verzichten. 1990 leitete das Land den Ausstieg ein. In Spanien war bereits 1984 ein Moratorium erlassen worden, das zehn Jahre später zu einem Verzicht auf die Kernenergie führte. Die Schweiz und Belgien haben sich für ein Auslaufen dieser umstrittenen Form der Energieerzeugung entschieden: Neue Anlagen werden nicht mehr gebaut, die bestehenden sollen nach einer Laufzeit von 40 Jahren abgeschaltet werden.


Bärsebäck 1 stillgelegt

Auch die Niederlande und Schweden wollen sich von der Atomkraft verabschieden. In Schweden hat die Bevölkerung dies bereits 1980 in einem Volksentscheid gefordert. Das entsprechende Gesetz wurde jedoch erst 1997 in Kraft gesetzt. Als erster Meiler wurde Bärse bäck 1 im November 1999 abgeschaltet. Allerdings musste Stockholm seinem Betreiber, dem Unternehmen Sydkraft, das inzwischen vom deutschen Stromkonzern Eon übernommen wurde, eine Abfindung von rund 1,4 Milliarden Mark zahlen. Auf ähnliche Schwierigkeiten ist die holländische Regierung gestoßen, die deshalb nun nach deutschem Vorbild einen Konsens mit den Betreibern finden will.


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