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Hannoversche Allgemeine, 01. November 2002
"Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen"Strafverfahren gegen Castor-Blockiererin Marie eingestelltvon Heinrich ThiesDannenberg. Applaus wird laut, als sie ins Freie tritt. Jubel brandet auf, als sie den Gerichtsbeschluss verkündet. "Geil!" rufen ihre Freunde, "Super! " Auch die übrigen rund 100 Atomkraftgegner, die gekommen sind, feiern es als Erfolg, was das Amtsgericht Dannenberg in nicht öffentlicher Sitzung beschlossen hat: Das Verfahren gegen die 17 Jahre alte Marie aus Hitzacker, die sich im März 2001 gemeinsam mit vier Mitstreitern im Gleisbett angekettet hatte, um den Castor-Zug zu stoppen, wird eingestellt - gegen die Auflage von 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit in der Dannenberger Elbe-Jeetzel-Klinik."Das ist okay", sagt Marie, nachdem sie ihre Freunde umarmt hat. "Ich bin ja damals auch dort im Krankenhaus gut behandelt worden." Nun könne sie von der Hilfe etwas zurückgeben. Ob sie sich noch einmal ins Gleisbett legen würde? "Grundsätzlich ja", antwortet sie. "Aber das muss natürlich von Fall zu Fall überlegt werden." Der Medienrummel um ihre Person habe sie allerdings sehr belastet, sagt die Schülerin mit rotem Schal und Nasenring. "Es war nie meine Absicht, im Mittelpunkt zu stehen. Ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist." Doch das Großaufgebot von Fernsehteams und Fotografen vor dem Gerichtsgebäude deutet darauf hin, dass Marie als Star der Anti-Atom-Bewegung so schnell nicht in Vergessenheit gerät. Die Bürgerinitiative Umweltschutz bedauert solchen Personenkult zwar, nutzt ihn aber auch aus. "Beton - Es kommt drauf an, was man draus macht", steht auf einem Transparent, das an die legendäre Blockadeaktion erinnert. Damals war der Castor-Zug 16 Stunden lang aufgehalten worden.
Die vier erwachsenen Gleisbettgefährten Maries waren vor einem halben Jahr vom Amtsgericht Lüneburg bereits wegen Störung öffentlicher Betriebe zu einer Geldstrafe von jeweils 525 Euro verurteilt, vom Vorwurf der Nötigung jedoch freigesprochen worden. Die Einstellung im Falle Maries führt Verteidiger Wolf Römmig zum einen auf das mildere Jugendrecht zurück, zum anderen aber auch auf die Erklärung, die die junge Angeklagte abgab: "Ich geh' auf Demonstrationen, seitdem ich laufen kann", hatte die Gymnasiastin gesagt. "Die Beine sind länger geworden, das Vertrauen in den Staat immer kleiner." Zu der Blockade habe sie sich aus Enttäuschung über das Echo auf übliche Demonstrationen entschlossen: "Ich wollte das mitleidige Lächeln über die Spinner im Wendland aus den Gesichtern löschen", betonte Marie. "Ein weiterer Grund für diese Form des Protestes war das Bedürfnis, dem Bild meiner angepassten Generation etwas entgegenzusetzen." Gern hätte es das Gericht gesehen, wenn Marie auch erklärt hätte, dass sie sich an derartigen Gesetzesverstößen künftig nicht mehr beteiligen werde. Doch dazu war die Angeklagte nicht bereit. Demonstrativ nahm sie nach der Verhandlung vor dem Gericht mit drei der Mitblockierer auf einem Sofa Platz. Das Sitzmöbel soll während des Castor-Transports in rund zwei Wochen als symbolischer Wachposten vor dem Verladekran in Dannenberg stehen.
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