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Berliner Zeitung, 30. November '99

"Das wird teuer für den Staat"

Kernkraftgegner planen Flächen deckende Blockade-Aktionen gegen geplante Atommülltransporte

von Hendrik Munsberg

Berlin. Atomkraftgegner aus ganz Deutschland wollen offenbar einen Entsorgungsinfarkt der Nuklearindustrie herbeiführen. "Unser Ziel ist, durch Blockade-Aktionen an allen 19 Meilern die Brennelement-Abtransporte aufzuhalten", sagte der Sprecher der bundesweiten Anti-Atom-Initiative "X-tausendmal quer überall", Jochen Stay, der "Berliner Zeitung". Er rechne damit, dass der nächste Brennelement-Transport frühestens zum März genehmigt werde. Die Blockade-Aktionen seien bereits vorbereitet. "Wichtig ist, dass der erste Transport aufgehalten wird, denn dann weiß der Staat, dass er sich ein derartiges Großaufgebot an Polizei nicht häufiger leisten kann", erklärte Stay. An den Protestaktionen werden nach seiner Schätzung mindestens 10 000 Anti-Atom-Demonstranten aus ganz Deutschland teilnehmen. Rund 3 000 Aktivisten hätten bereits auf "Rückmeldebögen" ihre Beteiligung fest zugesichert, so Stay. "Die Leute stehen alle in den Startlöchern. Da ist eine Riesen-Unzufriedenheit in Sachen Atom", betonte Stay.

Die deutsche Atomindustrie ist besonders an den Meilern Stade, Biblis, Philippsburg und Neckarwestheim auf eine zügige Entsorgung verbrauchter Brennstäbe angewiesen. Andernfalls droht diesen Kraftwerken wegen überfüllter Abklingbecken im kommenden Jahr die Zwangsabschaltung.

Auch der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke, kündigte an: "Egal ob in Stade, Philippsburg oder sonst wo - wir sind immer dabei; das wird stundenlange Auseinandersetzungen geben und damit teuer werden für den Staat." Ehmke erwartet allerdings bei den Protestaktionen an den Meilern mit rund 2 000 Aktivisten deutlich weniger Teilnehmer. Bei Demonstrationen vor den Zwischenlagern Gorleben und Ahaus rechne er dagegen mit bis zu 20 000 Atomkraft-Gegnern.

Stay sagte, die "Infrastruktur" für die geplanten Protestaktionen sei "gut vorbereitet". An allen Kraftwerken seien bereits Standorte für Protest-Camps ausgesucht und "abgestufte Aktionskonzepte entwickelt" worden. Sobald das Bundesamt für Strahlenschutz den erste Transport genehmige, würden die Meiler in Stade, Biblis, Philippsburg und Neckarwestheim "unter Dauerbeobachtung gestellt", so Stay. Stay und Ehmke, die als Schlüsselfiguren der Anti-AKW gelten, übten massive Kritik am Kurs der rot-grünen Bundesregierung, in der inzwischen aus verfassungsrechtlichen Gründen Reaktor-Laufzeiten von dreißig Jahren diskutiert werden. Besonders die Rolle der Grünen nannte Ehmke "blamabel". Noch kürzlich hätten "viele Grüne getönt, die Ausstiegsfrist müsse weit unter 30 Jahren liegen" - auch Trittin und Außenminister Joschka Fischer. Stay sagte: "Wenn man das an dem Anspruch misst, den Ausstieg umfassend und unumkehrbar zu regeln, dann ist das einfach nur lächerlich."


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