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AP-Agenturmeldung, 11. November '99

Lüchow-Dannenberger Bauern wollen in Berlin Stunk machen

Atomkraftgegner starten mit Treckern zur "Stunkparade" in die Bundeshauptstadt - 10.000 Demonstranten erwartet

von Jürgen Voges

Hannover (AP). Die Protestaktion gegen Atommülltranporte haben sie bundesweit bekannt gemacht: Die Bauern aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, die die Atomkraft ablehnen und sich zur Wendländischen Bäuerlichen Notgemeinschaft» zusammengeschlossen haben, schoben beim letzten Atommülltransport nach Gorleben ihre Traktoren gleich im Dutzend zu Straßensperren gegen die Castorbehälter zusammen.

Am Wochenende will die Notgemeinschaft allerdings nicht am Zwischenlager Gorleben, sondern gleich in Berlin am Sitz der Bundesregierung «Stunk» machen. Zwischen Siegessäule und Alexanderplatz, wo auch alljährlich die Technofans ihre Loveparade feiern, wollen die Bauern mit hundert Traktoren oder Treckergespannen zu einer «Stunkparade» auffahren.

Unser Treck nach Berlin beginnt am Freitagmorgen am Gildehaus in Lüchow», sagt Hermann Bammel, der mehr als zwei Jahrzehnte in der Notgemeinschaft ist und im Süden des niedersächsischen Landkreises Lüchow-Dannenberg hundert Hektar Land bewirtschaftet. Der Anlass für die «Stunkparade» liegt in den Augen Bammels auf der Hand: «Diese Bundesregierung hat den Atomausstieg versprochen und nichts ist passiert», sagt der Landwirt knapp und trocken.

Ihre nicht immer ganz ernst gemeinten Parolen für die Parade haben die Bauern von der Notgemeinschaft längst auf Transparente geschrieben. Bammel hat sich den Spruch ausgesucht: «Fällt der Bauer von dem Traktor, steht in der Nähe ein Reaktor». Ein anderer Spruch nimmt die Bundesregierung und deren Ausstiegsbemühungen direkt aufs Korn: «Der Trog ist derselbe geblieben, nur die Ferkel haben gewechselt...», bilanziert er bäuerlich- derb das erste Amtsjahr von Rot-Grün.

Der Treck nach Berlin führt zunächst nach Arendsee in Sachsen-Anhalt, wo möglicherweise die nächsten für Gorleben bestimmten Castorbehälter von Güterwaggons auf Straßentieflader gehoben werden. Über Wittenberge und anschließend die Bundesstraße 5 wollen die Bauern dann nach rund zehnstündiger Fahrt am Freitagabend Berlin erreichen. Funkgeräte sollen auf dem Treck die Kommunikation zwischen den Bauern sicherstellen. Für die Verpflegung in Berlin sorgt ein Schlachter aus dem Landkreis Lüchow- Dannenberg. Sogar ein Tankwagen einer landwirtschaftlichen Genossenschaft wird dem Traktorenkonvoi hinterher fahren, um am Ziel alle Fahrzeuge noch einmal mit Sprit zu versorgen.

Hermann Bammel war schon dabei, als im Frühjahr 1979 die Bäuerliche Notgemeinschaft zu ihrem ersten großen Konvoi, dem so genannten Gorleben- Treck, nach Hannover aufbrach. Damals, als es gegen eine bei Gorleben geplante Wiederaufarbeitungsanlage ging, wurden die motorisierten Kernkraftgegener aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg in der niedersächsischen Landeshauptstadt von über 100.000 Demonstranten begrüßt.


«Gerhard, wir kommen!»

Die mit der Notgemeinschaft eng verbundene Bürgerinitiative Lüchow- Dannenberg (BI) erwartet, dass sich am Samstagmittag am Brandenburger Tor etwa 10.000 Gesinnungsgenossen aus ganz Deutschland zu Fuß der bäuerlichen Stunkparade anschließen. Die BI selbst hat für die Protestaktion einen Sonderzug mit 750 Plätzen bestellt, der am Samstagmorgen abfährt. Außerdem würden aus 38 Städten Busse mit Demonstranten erwartet, sagt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Ein weiterer Sonderzug mit Atomkraftgegnern solle aus dem Ruhrgebiet in die Bundeshauptstadt fahren.

Wir wollen nicht mehr wie das Karnickel vor der Schlange auf die Bundesregierung oder auf den nächsten Castortransport warten, sondern die Ausstiegsdebatte selbst wieder anschieben», erklärt Ehmke. Die Atomkraftgegner müssten jetzt Druck auf die SPD ausüben, die auch ein Ausstiegsversprechen abgegeben habe. Die Grünen sieht Ehmke ohnehin «vor einer Zerreißprobe, wenn es keine wirklichen Ausstiegschritte gibt und die Atomtransporte wieder aufgenommen werden».

Die Bauern aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg haben ihre Stunkparade auch unter das schlichte Motto gestellt: «Gerhard, wir kommen!» Einige altgediente Mitglieder aus der Notgemeinschaft haben den heutigen Bundeskanzler in den frühen Zeiten des Gorlebenprotestes nämlich persönlich kennengelernt. «Damals, als er noch Rechtsanwalt war», meint Hermann Bammel, «hat er sogar einen von uns nach einer Protestaktion vor Gericht verteidigt».


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