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Frankfurter Rundschau, 13. September 2001 Verwundbare TerrorzieleAtomkraftwerke sind gegen gezielte Abstürze schutzlosvon Joachim WilleDas Inferno von New York hat eine Sorge wieder aufkeimen lassen: Terroristen könnten auch Atomkraftwerke als Ziel für Kamikaze-Aktionen wählen. Sicher ist: Eine Attacke wie auf das World Trade Center könnte eine Kernschmelze auslösen - das "worst case scenario", sagte der Leiter der Reaktorsicherheitskommission des Bundes (RSK), Lothar Hahn, der FR. Der "Informationskreis Kernenergie", ein Organ der Atomlobby, stellt fest: "Ein abstürzendes Flugzeug darf den Sicherheitsbehälter (des AKW, Red.) nicht durchbrechen." Den Schutz gegen ein solches Vorkommnis sollen vier Vorkehrungen gewährleisten: Moderne deutsche AKW zum Beispiel haben Außenwände aus zwei Meter Stahlbeton, sicherheitstechnisch wichtige Systeme sind in Mindestabständen von den Wänden installiert, mehrfach vorhandene (redundante) Sicherheitssysteme sind getrennt angeordnet, und die Anlage ist gegen Erschütterungen ausgelegt. Berechnet wurde dieses Sicherheitskonzept allerdings nicht für gezielte Terrorangriffe, sondern für den Fall, dass ein Pilot die Herrschaft über sein Flugzeug verliert und die Maschine auf die Reaktorkuppel aufschlägt, wie Heinz-Peter Butz von der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) erläutert. Referenzfall ist eine schwere Militärmaschine mit 775 Stundenkilometern "bei einem für die Anlage ungünstigen Auftreffwinkel". Der Informationskreis Kernenergie argumentiert, Großraumflugzeuge - etwa der Jumbo-Jet - seien wegen "ihrer geringeren Materialdichte und der darauf beruhenden ,Eigenknautschfähigkeit' sowie der Lastverteilung auf einer größeren Fläche im Falle des Aufschlages weniger gefährlich als eine schnellfliegende Militärmaschine". Butz allerdings verweist darauf, dass der Absturz eines Passagierjets bei den Sicherheitserwägungen ausgeklammert worden sei, da er als extrem unwahrscheinlich galt. Die Chancen, dass ein modernes AKW auch einem gezielten Kamikaze-Angriff bei Maximalgeschwindigkeit standhalten könne, seien deutlich geringer. RSK-Chef Hahn sieht - anders als Butz - die Gefahr, dass ein Kamikaze- Pilot einen Atommeiler in vollem Flug treffen kann, als hoch an: "Ein AKW ist als Ziel durch seine Kühltürme weithin sichtbar - wenn das ein Flugprofi macht, dann schafft der das auch." Durchschlage aber ein Flugzeug die Sicherheitshülle, wären die Folgen nicht mehr beherrschbar. Der Trost, dass Deutschland bei der Auslegung der AKW gegen Flugzeugabstürze "noch relativ am besten" (Hahn) abschneidet, ist also gering - zumal ältere Anlagen wie Stade oder Obrigheim diesem Standard nicht genügen. Die Sicherheitsvorkehrungen gegen äußere Einwirkungen bei den AKW etwa in den USA oder in Frankreich sind schwächer, und Reaktoren aus den russischen Baureihen haben zum Teil nicht einmal ein Containment, das gegen Explosionen im Innern schützt.
Militärschutz für Atomfabriken in La Hague und Sellafield gefordertFachmann warnt vor möglichen Terror-Angriffen mit verheerenden Folgen - Anlagen gegen Flugzeugabsturz nicht gesichertvon Joachim WilleDie Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) im französischen La Hague und in Sellafield (Großbritannien) müssen nach Ansicht des Pariser Energie-Experten Mycle Schneider mit militärischen Mitteln gegen Terror-Attacken gesichert werden. Ein gezielter Flugzeugabsturz auf eine WAA hätte einer Studie zufolge weitaus schlimmere Folgen als der Tschernobyl-Super-Gau. Frankfurt am Main. Die noch unveröffentlichte Untersuchung behandelt die Folgen möglicher schwerer Unfälle in den beiden Anlagen. Dort werden Atombrennstoffe aus mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, und aus Japan wiederaufgearbeitet. Erstellt wurde die Studie von dem Energie-Informationsdienst "Wise" in Paris, Auftraggeber ist die Generaldirektion Forschung des Europäischen Parlaments. Die Studie geht im Fall La Hague von einer Explosion oder einem Brand in einem der "Nasslager" aus, in denen die Wärme entwickelnden abgebrannten Brennstäbe vor ihrer Weiterverarbeitung gekühlt "abklingen" müssen. Eine Flugzeug-Attacke sei ein "noch schwerwiegenderes Szenario", sagte Wise-Leiter Schneider der FR. Würde nur das Cäsium-137-Inventar des kleinsten Abklingbeckens freigesetzt, entspräche dies der Studie zufolge mit 1,67 Tonnen der 67fachen Menge, die davon 1986 in Tschernobyl aus dem explodierten Reaktor entwich. Allein hierdurch würden, so Schneider, bis zu 1,5 Millionen Menschen an Krebs erkranken. In La Hague befinden sich nach Wise-Angaben zurzeit etwa 7500 Tonnen abgebrannter Brennstäbe, ein Vielfaches des in Atomkraftwerken gelagerten Materials. Hinzu kämen 80 Tonnen des hochgiftigen Plutoniums, das bei der Wiederaufarbeitung anfällt. Auch die am besten geschützten Gebäude - darunter der Plutoniumbunker - würden nach Wise-Angaben nur den Absturz von kleineren Flugzeugen unbeschadet überstehen. Eine gezielte Attacke mit einem voll getankten Verkehrsflugzeug könne zu einer Katastrophe führen. Der Sprecher der La-Hague-Betreibergesellschaft Cogema, Thomas Roser, bestätigte auf FR-Anfrage, dass in Frankreich die Möglichkeit von Flugzeugabstürzen bei der Auslegung von Atomanlagen bisher generell nicht berücksichtigt werde. "Dies gilt als so unwahrscheinlich, dass hierfür keine speziellen Vorkehrungen getroffen werden", sagte Roser. Gegen Terror-Anschläge sei "kein Kraut gewachsen". Schneider hält eine bessere Abschirmung der Brennstab- und Plutonium-Lager in La Hague und Sellafield durch bauliche Maßnahmen nicht für machbar. Kurzfristig müssten die WAA mit Flugabwehrgeschützen geschützt werden. Mittelfristig sollten die Nasslager in La Hague aufgelöst und die abgebrannten Brennstäbe dezentral und gut gesichert an den AKW-Standorten untergebracht werden, empfiehlt er. Auch dies gebe keine völlige Sicherheit, räumt Schneider ein, zumal die AKW selbst nicht gegen Abstürze ausgelegt wurden. Immerhin sei dann aber das radioaktive Inventar am jeweiligen Standort kleiner als in La Hague.
Stuttgart sagt Atomtransporte abStuttgart/Berlin.(rtr/afp). Die Landesregierung Baden-Württembergs hat nach den Terroranschlägen die für dieses Jahr angekündigten Atommülltransporte abgesagt. Das niedersächsische Innenministerium hingegen teilte mit, dort gehe die Planung für einen Transport ins Zwischenlager Gorleben weiter. Bundesumweltminister Jürgen Trittin will am heutigen Mittwoch dem Kabinett über die Sicherheit der Atomkraftwerke berichten.
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