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Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 12. September 2001

"Unsere Heimat ist jetzt hier"

Rückführung jugoslawischer Kriegsflüchtlinge - Familie Zekavica hofft noch

von Sylvia Lüttich-Gür

Ahaus. "Ich arbeite doch die ganze Zeit, und auch mein Chef will mich auch behalten." Jugo Zekavica schüttelt den Kopf und blickt auf den Brief in seiner zitternden Hand: Bis zum 24. September, ist da zu lesen, sollen er und seine Familie die Bundesrepublik verlassen.

Zehn Jahre leben der jugoslawische Kriegsflüchtling und seine Familie in Ahaus. Drei der vier Kinder - der kleine Stefan ist gerade acht Monate alt - sind in Deutschland geboren. Die drei Älteren besuchen die Schule, sprechen, lesen und schreiben Deutsch. Serbokroatisch kennen sie dagegen nur aus der Unterhaltung ihrer Eltern. Ahaus sei ihre zweite Heimat geworden, sagt Ehefrau Vida. "Wir fühlen uns hier wohl." Die Kriegsflüchtlinge fühlen sich nach einem Jahrzehnt als integrierte Zuwanderer.

Ihre bevorstehende Rückführung nach Restjugoslawien empfinden sie als Abschiebung, als eine erneute Vertreibung. "Wir tragen unseren Lebensunterhalt hier doch ganz alleine", erklärt der Familienvater, der in einer Schöppinger Großschlachterei arbeitet. "Ich kann versprechen, dass wir zurückgehen würden, sobald wir öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen müssten. Aber wir liegen niemandem auf der Tasche."

Wollen sie nicht beim Aufbau der zerstörten Arbeit mithelfen? "Als erstes denken wir an unsere Kinder", betont Jugo Zekavica. Und deren Zukunft sei in dem zerstörten Land nicht gesichert. "Hier habe ich Arbeit und eine Wohnung, dort nicht." Dieses Argument lassen die Innenminister allerdings nicht gelten. "Die Grundversorgung aller Rückkehrer wird durch internationale Hilfe gesichert."

Dass die ihre Adressaten erreicht, bezweifelt Zekavica allerdings. Telefonate mit Verwandten in dem noch immer politisch unruhigen Heimatland würden ihn in dieser Einschätzung bestärken. "Wir können unseren Leuten besser helfen, wenn wir sie von hier finanziell unterstützen", meint er.

Die Wohnung der Familie ist einfach, aber gemütlich eingerichtet. Von Umzugskosten oder Koffern, die auf einen baldigen Aufbruch schließen ließen, ist keine Spur. Wie an einen Strohhalm klammert sich die Familie an die Hoffnung, dass die Ausländerbehörde doch noch eine Aufenthaltsbefugnis erteilt.

Noch sei darüber nicht abschließend entschieden, teilte der Leiter der Ausländerbehörde des Kreises, Heiner Tripphaus, mit. "Allerdings müssen wir uns an den Erlass des Innenministers halten", unterstreicht er. Und der räume kaum Ermessensspielraum ein, um sicher zu stellen, dass alle Betroffenen - im Kreis Borken allein 700 - gleich behandelt würden.

"Die Kriegsflüchtlinge haben genügend Schicksalsschläge erlebt," betont der Leiter der Ausländerbehörde des Kreises, Heiner Tripphaus. Dennoch: Zusammen mit seinen Kollegen muss er die ministerielle Anweisung zur Rückführung der Flüchtlinge umsetzen, "im Einvernehmen mit den Betroffenen". In Ahaus, Gronau, Heek, Legden und Schöppingen leben 200 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mehr als sechs Jahre ununterbrochener Aufenthalt in der Bundesrepublik, keine Straffälligkeit, ein zweijähriges Beschäftigungsverhältnis und die Zusicherung, dass der Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer angewiesen ist - das sind die Forderungen des Innenministers zur Erteilung einer Aufenthaltsbefugnis. "Wir werden jeden Einzelfall prüfen", sichert Tripphaus zu. Die Jugoslawen, die ihre Heimat wieder aufbauen, sollten Deutschland in guter Erinnerung behalten.


Münsterland Zeitung - Ahauser Zeitung, 19. September 2001

Situation nicht berücksichtigt

Leserbrief

von Johanna Schmitz

"Das Schicksal der Familie Zekavica, die am 24. September in ihre Heimat nach Restjugoslawien zurückgeschickt werden soll, hat mich sehr betroffen gemacht. Die Äußerung von Herrn Tripphaus, dass "die Kriegsflüchtlinge genügend Schicksalsschläge erlebt" haben, klingt recht mitfühlend, und die Kriterein, die der Innenminister zur Erteilung der Aufenthaltsbefugnis anfürht, beim ersten Hinsehen sehr human. Was jdeoch in dem Kritereinkatalog nicht entsprechend berücksichtigt wird, scheint mir die subjektive Situation der Menschen zu sein, die man zurückschicken will.

Ich, selbst Mutter von vier Kindern, kann mir nicht vorstellen, wie jemand eine Familien mit vier kleinen Kindern überhaupt und noch dazu in dieser Jahreszeit, vor Beginn des Winters, in ein politisch noch immer unruhiges Land, wo gerade "die Grundversorgung" (was auch immer das heißen mag) gescihert sein soll, zurückschicken kann und dann doch noch tatsächlich hofft, dass die Jugoslawen "Deutschland in guter Erinnerung behalten".

Es klingt wie ein Hohn, dass eine Stadt, unsere Stadt, die für Zigtausend Mark eine Innenstadtsanierung plant, für unbescholtene fremde Bürger keinen Platz hat. Ich möchte mit diesem Schrieben an Herrn Tripphaus appellieren, dass sein eigenes Gewissen bei senen Entscheidungen über Rückführungen von Kreigsflüchtlingen einen stärkeren Einfluss haben möge als die ministeriellen Anweisungen, damit es in unserer Welt, in der es schon genügend Leid gibt, nicht noch kälter wird."


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