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Hamburger Abendblatt, 25. September 2000

Widerstand ist ungebrochen

In Gorleben demonstrierten 5000 gegen Castor-Transporte

von Elisabeth Jessen

Gorleben - Der Widerstand der Atomkraftgegner in Gorleben scheint ungebrochen. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg (BI) mobilisierte am Sonnabend gut 5000 Menschen, die vor dem Zwischenlager gegen Atomkonsens und gegen Castor-Transporte demonstrierten.

Der Tag der Demonstration, der schon länger feststand, sei gut gewählt, freute BI-Sprecher Wolfgang Ehmke sich. Am Freitag war bekannt geworden, dass das Bundesamt für Strahlenschutz noch für dieses Jahr acht Brennelemente-Transporte aus den Atomkraftwerken Stade, Biblis und Philippsburg genehmigt hat. Nach dem letzten und bislang teuersten Castor-Transport im März 1997, der von 30000 Polizisten gesichert werden musste, waren keine Castoren mehr durch das Wendland gerollt. Die damalige Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) hatte die Transporte wegen radioaktiver Verunreinigungen an den Behältern vorläufig gestoppt.

Die Zahl der Demonstranten galt vielen als Gradmesser für die Akzeptanz des im Juni ausgehandelten rot-grünen Konsenses mit der Atomwirtschaft. "Wir haben ein wenig gebangt, wie viele Mitkämpfer zu mobilisieren sind", sagte Ehmke.

Nahe des Lagers herrschte schon am späten Vormittag Volksfeststimmung. Viele altgediente Atomkraftgegner aus der Region und aus dem gesamten Bundesgebiet waren gekommen. Die Teilnehmer, darunter Eltern mit Kindern und Säuglingen, formierten sich auf einem Acker zu einem überdimensionalen X als Zeichen des seit Jahren andauernden Widerstands. Der Demonstrationszug wurde von Dutzenden Treckern mit Anhängern und fantasievollen Aufbauten begleitet. Da zog einer einen Anhänger mit einem überdimensionalen Maulwurf: "Die Natur schlägt zurück. Mutanten gegen Castor", hieß es auf dem Transparent. Auf anderen Anhängern wurde getrommelt, von einem wurden gar Bonbons geworfen, dazu erschallte Musik. Der Castor-Protest - eine Art Love-Parade mit politischer Botschaft.

Auf einer Waldlichtung brodelte Gemüseeintopf für die hungrigen Widerständler. Lediglich eine Spende wurde dafür erbeten und: Teller "bitte selber abwaschen". Daneben gab es Widerstandssuppe (mit Würstchen) für drei Mark, Grillwürste und Brote.

Trotz der volksfestartigen Stimmung ließen die Atomgegner keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit, neue Transporte mindestens zu behindern. "Wenn der nächste Castor rollt, dann stellen wir uns quer", kündigte die BI-Vorsitzende, Freifrau Jutta von dem Bussche, an. Auf Flugblättern rief die Aktion "X-tausendmal quer überall" zu zivilem Ungehorsam auf. Der "Wahlbetrug von Rot-Grün" mache die Blockade von Castor-Transporten notwendiger denn je, sagte Heike Vellguth von der Bürgerinitiative gegen Atommüll in Ahaus.

Im Wendland kann es sehr bald zu neuen Protesten kommen: Die Bahn AG hat angekündigt, den Neubau der Bahnbrücke über die Jeetzel in diesen Tagen zu beginnen. Die denkmalgeschützte Brücke ist derzeit für den Güterverkehr- also auch für Castor-Transporte - gesperrt. Anfang 2001 sollen sie wieder möglich sein. Die BI und ein Denkmaschutzverein haben die Staatsanwaltschaft Lüneburg eingeschaltet, weil ihrer Ansicht nach der Brückenneubau gegen das Denkmalschutzgesetz verstößt. Auf die juristische Lösung hoffen die Atomgegner nicht ernsthaft, aber auf den "Einfallsreichtum unserer Widerständler".


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