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Süddeutsche
Zeitung, 13. September 2000Erster Behälter soll bereits in drei Wochen rollenStromkonzerne fordern neue Atommüll-Transportevon Alexander HagelükenBerlin. Die Energiekonzerne wollen schon von Oktober an mindestens 30 Atommüll-Transporte durch Deutschland fahren lassen. Das geht aus einem Forderungskatalog hervor, den sie den Innenministern von Bund und Ländern präsentierten. Jochen Stay von der Atomgegner-Initiative "x-tausendmal quer" kündigte an: "Wir werden mehr als 10 000 Demonstranten dagegen mobilisieren". Laut der Liste "notwendiger Transporte", die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, wollen die Konzerne "spätestens" in drei Wochen die ersten Behälter losschicken. Dann soll strahlender Abfall aus den Kernkraftwerken Philippsburg (Baden-Württemberg) und Stade (Niedersachsen) zur Wiederaufbereitung nach Frankreich rollen. Im November sind Castor-Fuhren ins innerdeutsche Lager Ahaus geplant. Die Bundesregierung hatte die Transporte 1998 gestoppt. Nach Angaben Stays meldeten sich bereits mehr Aktivisten für Proteste an als bei der letzten Blockade in Gorleben vor drei Jahren. Bei Treffen mit den Innenministern am 18. und 31. August machte die Atomindustrie erheblichen Druck für neue Transporte. Ein Konzernvorstand wird mit dem Satz zitiert, man wolle "nicht über den Bedarf diskutieren, sondern Termine festlegen". Der Bedarf an Nuklearmüll-Fuhren ist jedoch umstritten. Die Bundesregierung vereinbarte beim Atomkonsens mit den Konzernen im Juni, die umstrittenen Transporte möglichst zu vermeiden und den strahlenden Abfall stattdessen an den Kernkraftwerken abzulagern. Davon wollen die Unternehmen offenbar nicht mehr viel wissen. Obwohl für viele Atommeiler Interimslager beantragt und teilweise bereits gebaut sind, dringen sie auf sofortige Transporte. Der RWE-Konzern kündigte an, auf ein Interimslager zu verzichten. Bleiben die Konzerne bei diesem Kurs, wird sich die Zahl der Atommüll-Fuhren deutlich erhöhen. Kann der Abfall der Stromproduktion nicht an den Kernkraftwerken bleiben, muss er in die deutschen Sammellager Gorleben und Ahaus oder in die Wiederaufbereitungsanlagen nach Frankreich und Großbritannien. Unter den Innenministern der Länder bahnt sich ein Streit über das weitere Vorgehen an. Die Vertreter der SPD-regierten Länder Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt wandten sich gegen sofortige Transporte. Dagegen versuchen CDU- regierte Länder Druck für Atommüll-Fuhren noch in diesem Jahr auszuüben. Teilnehmer berichten, der Vertreter Baden-Württembergs habe dies auch damit begründet, dass die Landesregierung von Mitte Dezember an in den Monaten vor der Landtagswahl im März 2001 keine Atommüll-Fuhren wolle. Der Forderungskatalog der Konzerne umfasst 33 bis 40 Transporte aus den Kernkraftwerken Biblis B (Hessen), Brunsbüttel (Schleswig- Holstein), Neckarwestheim (Baden-Württemberg), Philippsburg und Stade. Teilweise haben die Konzerne Ausweichstandorte angegeben. Sie wollen denselben Müll entweder nach Frankreich oder ins Lager Gorleben bringen. Atomgegner Stay sagte, seine Initiative wolle auch die bisher wenig beachtete Route nach Frankreich blockieren. Die Wiederaufbereitung sei das schmutzigste Ende für Atommüll. "Wir werden uns zu Tausenden auf die Schienen legen und die Transporte verhindern". Ziel sei, den ersten Transport so zu verteuern, dass es der letzte bleibe.
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